Medienkompetenz Fehlanzeige – wie ich am Deutschunterricht verzweifle

Ich habe beruflich viel mit Schulen und damit mit Lehrern zu tun und habe so manche Eigenart kennengelernt. Es gibt solche und solche. Nun wieder eine neue Variante zum Thema Schule und dieses Mal betraf es ein Familienmitglied K2.
K2 nimmt gerade das Thema Märchen in der Unterstufe am Gymnasium durch und hatte als Hausaufgabe auf, ein Märchen selbst zu schreiben. Das kann K2 und erzählte über zwei handgeschriebene Seiten ein nettes Märchen, so richtig mit König und Königin und böser Hexe. Das Kind hat Talent, so der stolze Vater.
Dann kam die nächste Hausaufgabe der Deutschlehrerin. Die Kinder sollen ihr Märchen am Computer setzen und die Vorgaben lieferte die Lehrerin auch gleich mit: Als Schriftart gab die Deutschlehrerin Lucida Calligraphy in 11 Punkt vor. Die Überschrift war bold und unterstrichen in 12 Punkt und anschließend zwei Leerzeilen. Der Text sei linksbündig zu setzen und die Seitenränder sollen normal sein. Der erste Buchstabe des Fließtextes ist in Bold und 14 Punkt. Oh!

Die Vorgaben fein sauber von K2 erfasst.

Die Vorgaben fein sauber von K2 erfasst.

Heraus kommt, gelinge gesagt, ein typografisches Schlachtfeld. Lucida Calligraphy als Fließschrift ist ein Verbrecher und ich bekomme Augenkrebs. Die Angaben wie „Seitenränder normal“ sind eine Katastrophe. „Papa, was sind denn normale Seitenränder?“ lautete richtig die Frage von K2. Aber der Abschuss war für mich die Schriftart Lucida Calligraphy. Diese Vorgabe sorgte für die Mitschüler von K2 für Unruhe. Und wir wissen ja, wie Kinder sind: Sie wollen es richtig machen und das Wort der Lehrerin in diesem Alter ist Gesetz.
Lucida Calligraphy ist wohl eine Systemschrift von Mircosoft. Wer MS Office benutzt, hat wohl diese Schrift installiert. Tja und wer beispielsweise ein Open Source-Textverarbeitungsprogramm wie Libre Office nutzt, der schaut blöd. Was bildet sich die Lehrerin ein? Nicht jeder hat MS Office im Einsatz und hat dazu seine Gründe. Aber das kann sich die Frau Lehrerin wohl nicht vorstellen. In ihrer typografischen Welt gibt es Windows und Office – und wahrscheinlich Comic Sans (aber ich will hier nicht böse werden). Über Comic Sans habe ich mich hier und hier schon ausgelassen.
Also hatte die Familie zwei Möglichkeiten in Bezug auf den Einsatz von Lucida Calligraphy, eigentlich waren es drei. Zum einen kann ich die Schriftart für 35 Euro kaufen. Nee, wirklich nicht. Nicht diese hässliche Schrift, die ich niemals wieder einsetzen werde.

35 Euro ist mir Lucida Calligraph nicht wert.

35 Euro ist mir Lucida Calligraph nicht wert.

Dann könnte ich Lucida Calligraphy noch illegal aus dem Netz ziehen. Also richtig schön strafbar machen. Bei der BSA kommt Freude auf. Kommt also auch nicht in Frage.
Als dritte Möglichkeit war noch die Suche auf alten Rechnern im Keller, auf denen eine Mac-Version von Office installiert war. Dort war die Schrift dann zu finden.
Die Klassenkameraden diskutierten inzwischen am Nachmittag, welche Textverarbeitung sie verwenden können. Sie wussten nicht den Unterschied zwischen Textverarbeitung und Schrifteninstallation. Für sie hängt eine Schrift an der Software. Hier tut Medienkompetenz Not. Aber noch mehr sollte meiner Meinung nach die Deutschlehrerin Medienkompetenz verordnet bekommen.

Zwei Seiten Text wurden von K2 einfach via Siri erfasst und Zeit gespart.

Zwei Seiten Text wurden von K2 einfach via Siri erfasst und Zeit gespart.

Interessant war auch die Idee der Lehrerin einen handgeschriebenen Text von einem Unterstufler mit dem Rechner abschreiben zu lassen. Zwei Seiten Text können hier eine Ewigkeit bedeuten. K2 hat in den jungen Jahren noch kein Zehn-Finger-System gelernt, sondern arbeitet eher mit der Methode Adlerkreis-Suchsystem. Das kann also dauern. Aber K2 ist ein Kind des 21. Jahrhunderts. K2 diktierte den handgeschriebenen Text in Siri ins iPhone und Siri tippte den Text für K2. Das sparte uns Stunden und vor allem Nerven. Anschließend wurde der digitale Text mit der Cloud sychronisiert und in das Textverarbeitungsprogramm geladen und nach Wunsch der Pädagogin formatiert. K2 ist eben mein Kind.

Update: Einen Tage später kam es wohl zu einem massiven Protest der Kinder wegen der schrecklichen Lucida Calligraphy. Die Kinder hatten diese Schrift nicht auf den heimischen Rechnern ihrer Eltern gefunden. Neue Vorgaben der Lehrerin: Die Kinder könnten jetzt eine Schrift nehmen, die ihnen gefällt. Danke, dafür dass ich im Keller nach Lucida Calligraph eine gefühlte Ewigkeit suchen durfte.

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10 Antworten to “Medienkompetenz Fehlanzeige – wie ich am Deutschunterricht verzweifle”

  1. Sebastian Says:

    Kommt Fortschritt in Ämtern und Schulen nicht immer erst eine Generation verspätet an? Wer heute mit Cloud & Co. studiert, nimmt das morgen mit in den Job, verliert dann aber – anscheinend – häufig den Anschluss. Zoe’s Schule hat ähnliche Medienprobleme: Der Klassensatz Laptops bzw. neuerdings Tablets ist nie komplett einsatzbereit, obwohl die Anforderungen einer Grundschule an Schüler-IT durchaus begrenzt sind.

  2. Silvia Maria Engl Says:

    Lieber Matthias,
    dass du als Medienkompetenzguru (das ist nicht ironisch gemeint!) dich da echauffierst, kann ich ja verstehen. Darf man aber nicht immerhin mal beachten, dass es überhaupt schön ist, dass Schreiben nicht mehr nur als Handarbeit gesehen wird und Kinder früher herangeführt werden (jaaaaaaa, massig Optimierungsbedarf, gebe ich dir total recht!)?

    Als ich noch MS-Nutzerin war, war mir auch einiges nicht klar – einfach, weil meine Welt so funktionierte und in sich geschlossen war. Durch Apple habe ich dann hier meinen Horizont ein wenig erweitert – mit der Folge, dass ich mich jetzt anderswo zurechtfinden muss, weil ich die neueste Office-Version eben nicht kenne. So what?

    Letztlich zeichnet eine gute Lehrerin doch auch und vor allem aus, dass sie ihren Beruf gerne macht, für die Kinder gerne da ist und selber lernfähig ist. Die Korrektur ihres Arbeitsauftrages zeigt das doch. 🙂

    Richtig finde ich in jedem Fall, dass du weitermachst. Deine Arbeit ist wertvoll und wird entsprechend geschätzt, da bin ich mir sicher.

    Liebe Grüße
    Silvi

    • redaktion42 Says:

      Meine Kritik richtet sich vor allem an die Lehrerausbildung. Die Lehrerin selbst ist innovativ und das begrüße ich. Aber du kennst die Ausbildung und da muss einiges reformiert werden – meiner Meinung nach. Schule ist so wichtig und macht so viel Spaß und dies soll es auch in Zukunft machen

      • Silvia Maria Engl Says:

        Hm, das kommt so aber (bei mir) nicht an. Klingt sehr nach Kritik an der Lehrerin selbst.
        Wir sind uns aber absolut einig: Da ist viel Reformierungsbedarf. Auch in dem Bereich, in dem ich nun gerne was machen möchte (und auch schon dabei bin): Das Fühlen, die Selbstwahrnehmung darf und soll endlich Platz bekommen. Wer braucht 2015 Auswendiglerner? Wir brauchen junge Menschen, die sich mit den aktuellen Gegebenheiten (Medien) gut zurechtfinden und auch einen guten Zugang zu sich selbst haben.
        Vielleicht ja sogar ein Teamansatz?!

  3. svenheublein Says:

    Lieber Matthias, ich habe gleich lachen müssen, als ich das gelesen habe. Als ehemaliger Lehrer habe ich mal einen Einblick bekommen, was mit einem Arbeitsauftrag daheim passiert.

    Bei solchen Hausaufgaben/Arbeitsaufträgen muss man immer den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen. Es gibt Kinder wie deines, das mal eben cool ins Handy diktiert, bei vielen anderen wird es vielleicht wirklich nur einen altersschwachen MS-Laptop geben.

    Ich bin mit ähnlichen Fällen auch schon auf die Nase gefallen, da die Schüler – und dann in der Sprechstunde die Eltern – gesagt haben, dass sie sich das technische Zeug nicht leisten können. Sicher, das sind Fälle, die abnehmen werden, keine Frage.

    Mir wäre in dem Fall eine andere Lösung lieber gewesen: Das Märchen daheim zu schreiben, ist ja eine gute Idee. Die technische Umsetzung sollte man dann in der Schule in einem (vielleicht auch altersschwachen, dafür aber vermutlich einheitlich ausgestatteten) Computerraum oder mit einem Satz Laptops angehen.

    Aber mei, was weiß ich schon darüber, wie die Schule ausgestattet ist und welchen Plan die Lehrerin verfolgt 🙂

    Schöne Grüße!
    Sven

  4. Gero Pflüger Says:

    Oh je. Als Gestalter bin ich häufiger mit schwachsinnigen Vorgaben wie diesen hier konfrontiert. Ganz übel waren da mal die Vorgaben der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft – das sind die, die die Gelder der UMTS-Frequenz-Versteigerung an »Elite-Universitäten« verteilt haben). Deren Vorgabe war:

    Arial 11 Punkt (ARIAL!!! Warum nicht gleich Comic Sans?), anderthalb Zeilen Abstand (aus dem Schreibmaschinenzeitalter bin ich seit den 1990er Jahren raus – wie also ist der ZAB in Punkt?), und dann anschließend sollte das auf DIN A4 ausgedruckt und auf DIN A5 verkleinert werden. Krass. Ich habe mich da milde drüber hinweggesetzt, gleich auf A5 gearbeitet und Helvetica Neue mit 8 auf 11 Punkt benutzt.

    Der so offiziell falsch gesetzte Antrag wurde genehmigt.

    Ansonsten: Lucida Calligraphy mit Ypsilon hinten, bitte 😉

    Beste Grüße aus Hannover,
    Gero

  5. Lars Says:

    Ein netter Artikel aus dem echten Leben. Dem kann ich umgekehrt noch hinzufügen, dass mein Sohn dank meiner Lizenz mit MS Office inkl. Access ausgestattet ist. Nun sollten sie im Fach Informatik lernen, eine einfache Datenbank aufzubauen. Mein Sohn freute sich, hatte er doch von mir die Bitte erhalten eine Zeitauswertung für unseren Sport zu programmieren, natürlich auf Access. Der Lehrer muss recht verzweifelt drein geblickt haben, als er meinte, „also Access, das haben wir nicht“. Zum Einsatz kommt eine Freeware, die per CMD-Fenster mit einem DOS-Befehl zum Leben erweckt werden muss…
    Es kann also auch sein, dass Schulen kein MS Office besitzen, wie die, an der meine Kinder den Informatik Unterricht ertragen müssen.
    Auch ich finde es sehr gut, dass endlich in den Schulen reagiert wird auf das digitale Leben. Tablets als Buch- und Heftersatz werde ich aber wohl nicht mehr erleben…
    Kleine Anekdote, neulich wollte eine Lehrerin das Smartboard (Digitale Tafel) mit dem Schwamm sauber machen…

  6. Julian Says:

    Ich finde es gut, dass die Lehrerin Vorgaben macht, denn so müssen sich die Kinder auseinandersetzen mit den verschiedenen Formatierungsmöglichkeiten in Textprogrammen. Gut, über Lucida Calligraphy lässt sich streiten (mein Ding ist es auch nicht), und die unterdurchschnittliche Medienkompetenz der Lehrerin tritt hier auch schön zutage, doch eines sollte nicht unerwähnt bleiben: K2 hat eine wunderbare Handschrift. Er / Sie sollte sie sich unbedingt durch regelmäßiges Schreiben erhalten. Würde ich mein jugendliches Ich treffen, wäre das (neben „Yahoo, Google- und Apple-Aktien kaufen“) einer der Ratschläge, die ich mir machen würde. Zum Beispiel kann K2 sich ja vornehmen, im weiteren Verlauf des Lebens jedem Geburtstagskind einen persönlichen, handgeschriebenen Brief zu schreiben, in dem die Erinnerungen an die Person im letzten Jahr niedergeschrieben werden. Wenn diese dann auch noch gesammelt werden, entsteht ein schönes Archiv. In schöner Schrift.

  7. keepshowkeeper Says:

    Hach, immer wieder schön zu sehen, wie sich die Weigerung des teutschen Schulsystems gegen das interdisziplinäre System auswirkt und an dem 300 Jahre alten Klostersystem krampfhaft festhält, wo noch alle Disziplinen schön ordentlich getrennt wurden, als hätte Mathe absolut nix mit Physik oder Informatik zu tun, oder allen anderen Lernbereichen. Oh – ich rede hier nicht von dem Unterrichtssystem, in dem K2 gerade steckt, sondern von jenem, mit dem K2’s Lehrerin aufgewachsen ist. Die arme Frau muss den Kids IT beibringen – als Deutschlehrerin, und auch mit einer Ausbildung als solche – aber was IT betrifft: planlos, mit autodidaktischen Pseudokenntnissen. Man kann ihr keinen Vorwurf machen, sie bemüht sich nach Kräften, die Löcher des Systems zu stopfen. Aber wenn sie selbst nicht gelernt hat, Nullen von Einsen zu unterscheiden, sprich: Computer grundsätzlich zu verstehen, was können wir da von ihr erwarten? Im Germanistik-Studium bekommt man nicht beigebracht, wie ein OS funktioniert und was installierte Schriftarten sind.

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