Arthur Penns Little Big Man von 1970 ist einer der wichtigsten Anti-Western des amerikanischen Kinos. Der Film nimmt die vertrauten Motive des klassischen Westerns – Indianer, Kavallerie, Siedler, Revolverhelden, Pioniere, Heldentum und Zivilisation – und dreht sie konsequent um. Was früher oft als Eroberungsgeschichte erzählt wurde, erscheint hier als Geschichte von Gewalt, Täuschung, kultureller Überheblichkeit und Identitätsverlust. Gleichzeitig ist Little Big Man aber kein trockenes Geschichtsdrama, sondern eine Mischung aus Satire, Abenteuerfilm, Tragödie, Schelmenroman und bitterer Abrechnung mit amerikanischen Mythen. Die nächste Matinee ist am Sonntag, 11. Oktober der Film Ein Fressen für die Geier. Karten gibt es hier.

Im Mittelpunkt steht Jack Crabb, gespielt von Dustin Hoffman. Zu Beginn ist er angeblich 121 Jahre alt und erzählt einem Historiker sein Leben. Diese Rahmenhandlung ist entscheidend: Der Film gibt sich als Erinnerung aus, aber diese Erinnerung ist brüchig, subjektiv und manchmal überhöht. Jack Crabb ist Zeuge, Opfer, Mitläufer und Überlebender zugleich. Durch seine Augen erlebt man die Geschichte des amerikanischen Westens nicht als klare Heldenerzählung, sondern als Kette absurder, brutaler und widersprüchlicher Erfahrungen. Hier meine Aufzeichnung meines Vortrags.
Als Kind wird Jack nach einem Überfall von Cheyenne aufgenommen und wächst bei ihnen auf. Dort erhält er den Namen „Little Big Man“, weil er klein ist, sich aber mutig zeigt. Die Cheyenne werden im Film nicht als primitive Bedrohung dargestellt, sondern als komplexe Gemeinschaft mit Humor, Würde, Spiritualität und sozialer Ordnung. Besonders Chief Old Lodge Skins, großartig gespielt von Chief Dan George, ist das moralische Zentrum des Films. Er ist weise, komisch, melancholisch und zutiefst menschlich. Seine Haltung zur Welt wirkt im Film oft klarer und zivilisierter als alles, was die sogenannte weiße Zivilisation hervorbringt.
Jack Crabb pendelt im Lauf seines Lebens immer wieder zwischen den Kulturen. Er lebt bei den Cheyenne, wird in eine weiße religiöse Familie aufgenommen, begegnet Predigern, Betrügern, Soldaten, Geschäftsleuten, Prostituierten und Revolverhelden. Diese ständigen Rollenwechsel machen ihn zu einer Art amerikanischem Chamäleon. Er ist nie ganz hier und nie ganz dort. Gerade dadurch kann der Film verschiedene Gesellschaftsformen gegeneinander spiegeln. Die weiße Welt erscheint dabei nicht als Ort von Ordnung und Fortschritt, sondern häufig als Ort von Heuchelei, Habgier, sexueller Verdrängung, Gewalt und Selbstbetrug.
Besonders scharf ist die Darstellung der US-Kavallerie. General George Armstrong Custer wird nicht als heroischer Militärführer gezeigt, sondern als eitler, größenwahnsinniger und gefährlich selbstverliebter Mann. Der Film demontiert damit eine der großen Figuren des Westernmythos. Custers militärischer Ehrgeiz und seine Verachtung für die indigenen Völker führen nicht zu Ruhm, sondern zu Massakern und schließlich zur eigenen Vernichtung. In Little Big Man ist die Kavallerie nicht die rettende Ordnungsmacht, sondern oft der eigentliche Schrecken.









Ein zentraler Bruch mit dem klassischen Western liegt in der Darstellung der Gewalt. Penn inszeniert Gewalt nicht als heroischen Showdown, sondern als traumatische Erfahrung. Besonders die Massaker an indigenen Familien gehören zu den erschütterndsten Szenen des Films. Hier wird sichtbar, dass der Westen nicht einfach „erschlossen“ wurde, sondern dass diese Erschließung mit Vertreibung, Mord und kultureller Zerstörung verbunden war. Der Film entstand zur Zeit des Vietnamkriegs, und diese historische Gegenwart ist deutlich spürbar. Die Angriffe auf indianische Dörfer wirken wie ein Kommentar auf moderne Kriegsverbrechen, auf militärische Sprache, auf Befehlsketten und auf die Entmenschlichung des Gegners.
Trotz seiner Härte ist Little Big Man auch ein sehr komischer Film. Die Komik entsteht aus Übertreibung, Rollenwechseln und absurden Begegnungen. Jack Crabb wird mal frommer Zögling, mal Revolverheld, mal Geschäftsmann, mal Trinker, mal Ehemann, mal Krieger. Diese episodische Struktur erinnert an einen Schelmenroman: Der Held stolpert durch die Geschichte, überlebt mehr durch Zufall als durch Größe und entlarvt dabei die Welt um sich herum. Dustin Hoffman spielt Jack nicht als klassischen Helden, sondern als Suchenden, der immer wieder versucht, sich anzupassen, und doch nirgends endgültig ankommt.
Gerade diese Mischung aus Komödie und Tragödie macht den Film so stark. Penn lässt das Publikum lachen, nur um kurz darauf die Grausamkeit der Geschichte umso härter wirken zu lassen. Diese Tonwechsel können irritieren, sind aber kein Fehler. Sie entsprechen Jacks Lebenserzählung: Erinnerung ist nicht sauber sortiert, sondern voller Widersprüche. Das Absurde und das Schreckliche liegen dicht nebeneinander.
Sehr wichtig ist auch die Figur von Old Lodge Skins. Er verkörpert nicht einfach den edlen Indianer als Klischee, sondern eine Lebenshaltung. Seine Weisheit ist humorvoll und erdverbunden. Er versteht die Lächerlichkeit der weißen Welt, ohne selbst verbittert zu erscheinen. Die berühmte Szene, in der er sich zum Sterben auf einen Hügel legt, dann aber feststellt, dass sein Tod noch nicht gekommen ist, verbindet Spiritualität und Komik auf wunderbare Weise. Der Film nimmt seine Figur ernst, ohne sie in falsche Feierlichkeit zu pressen.
Formal arbeitet Little Big Man mit einem starken Kontrast zwischen epischer Weite und satirischer Zuspitzung. Die Landschaften erinnern an den klassischen Western, doch die Erzählung unterläuft ständig dessen Gewissheiten. Die Kamera zeigt Prärien, Siedlungen, Lager und Schlachtfelder nicht als mythische Räume des Abenteuers, sondern als Schauplätze einer Identitätskrise. Der Westen ist kein Ort eindeutiger Helden, sondern ein moralisch verwüstetes Gebiet.
Auch die Erzählperspektive ist entscheidend. Weil alles aus Jacks Erinnerung kommt, bleibt die Frage offen, wie zuverlässig seine Darstellung ist. Ist er wirklich der letzte große Zeuge des Wilden Westens? Übertreibt er? Erfindet er? Der Film spielt mit dieser Unsicherheit. Aber gerade dadurch wirkt seine Wahrheit stärker: Es geht nicht um eine objektive Chronik, sondern um eine Gegenerzählung zum offiziellen Mythos.
Little Big Man ist außerdem ein Film über Identität. Jack Crabb ist weiß geboren, wächst aber indianisch auf. Später wird er in die weiße Gesellschaft zurückgeführt, doch dort bleibt er innerlich fremd. Er erlebt, dass Identität nicht nur Herkunft ist, sondern Erziehung, Erfahrung, Sprache, Zugehörigkeit und Erinnerung. Der Film zeigt, wie zerstörerisch eine Gesellschaft sein kann, die nur eine Form von Zugehörigkeit gelten lässt.
Aus heutiger Sicht kann man den Film auch kritisch betrachten. Obwohl er für seine Zeit ungewöhnlich sympathisch und respektvoll mit indigenen Figuren umgeht, bleibt die Geschichte dennoch um einen weißen Erzähler herum gebaut. Die Erfahrungen der Cheyenne werden durch Jack Crabb vermittelt. Das war 1970 ein wichtiger Perspektivwechsel gegenüber vielen älteren Western, ist aber aus heutiger Sicht nicht völlig frei von Vermittlungsproblemen. Dennoch bleibt der Film ein bedeutender Schritt in Richtung eines selbstkritischeren amerikanischen Kinos.
Das Finale am Little Bighorn vollendet die Entzauberung des Westernheldentums. Custer marschiert nicht in die Legende, sondern in die Katastrophe. Jack überlebt erneut, aber sein Überleben wirkt nicht triumphal. Es ist eher eine Last. Er trägt die Erinnerung an eine Welt, die vernichtet wurde, und an eine Geschichte, die viel grausamer war, als sie sich Amerika lange erzählen wollte. Die nächste Matinee ist am Sonntag, 11. Oktober der Film Ein Fressen für die Geier. Karten gibt es hier.
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