Flüchtlinge in Passau – ein Erfahrungsbericht und wie eine 19jährige Schülerin hilft

Am Bahnhof in Passau kommen die Flüchtlinge an - Tag für Tag.

Am Bahnhof in Passau kommen die Flüchtlinge an – Tag für Tag.

Wir erleben gerade eine Zeitenwende, eine moderne Völkerwanderung. Dabei sind wir an dem Flüchtlingsstrom, der Europa erreicht nicht unschuldig. Jetzt gilt es mit kühlem Kopf die Herausforderung anzunehmen. Ich bin mir sicher, die Welt ändert sich und wir müssen sie aktiv gestalten. Voller Respekt schaue ich zu den vielen freiwilligen Helfern auf, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Und ich ziehe meinen Hut vor der Leistung der Bundespolizei und den staatlichen Kräften. Selten habe ich so viele ehrenamtliche und hauptamtliche Helfer gesehen, die Hand in Hand greifen. Das gibt mir Hoffnung für das Gute im Menschen.

Bundespolizei und Helfer nehmen die Flüchtlinge in Empfang.

Bundespolizei und Helfer nehmen die Flüchtlinge in Empfang.

In einem Seminar verschlug es mich in die Dreiflüssestadt Passau. Ich leitete dort ein Schülerzeitungsseminar für die Redaktion sechzehn12, der Zeitung des Leopoldinum-Gymnasiums. sechzehn12 weil die Schule 1612 gegründet wurde. Am Bahnhof Passau kamen und kommen täglich Flüchtlinge an und werden von Bundespolizei und ehrenamtlichen Helfern in Empfang genommen. Zusammen mit ein einigen Schülerzeitungsredakteuren machte ich daher eine Recherchenexkursion zum Bahnhof. Die Schüler sollten das journalistisch höchst spannende Thema aufgreifen – und zugleich auch etwas fürs Leben lernen. Am Bahnhof fällt als erstes ein großes gelbes Plakat von anmesty international auf. Dort ist zu lesen: „Jeder Mensch hat das Recht in anderen Ländern vor Verfolung Asyl zu suchen und zu erhalten.“

Klare Worte von ai.

Klare Worte von ai.

Charlotte, die Chefredakteurin der Schülerzeitung sechzehn12, engagiert sich dabei stark in der Flüchtlingshilfe. Provokant fragt sie: „Was wirst du tun?“ Die engagierte 19jährige will helfen und tut es. „Alles geht viel zu schleppend und vieles läuft gründlich verkehrt. Doch Flüchtende warten nicht. Sie haben einiges durchgemacht, da sind ein paar Hindernisse mehr oder weniger auf ihrer Route lästig, beängstigend, aber nicht abschreckend.“ Sie zeigt sich als junger Mensch enttäuscht von der mangelnden Solidarität in Europa. Und auch ich stimme zu: Das ist nicht das Europa, das ich mir vorgestellt habe.

Mit meinen Schülerzeitungsredakteuren mache ich eine Exkursion zum Bahnhof Passau. In der Mitte die Chefredakteurin Charlotte.

Mit meinen Schülerzeitungsredakteuren mache ich eine Exkursion zum Bahnhof Passau. In der Mitte die Chefredakteurin Charlotte.

Charlotte berichtet von ihren Erfahrungen am Passauer Bahnhof. In ihrem ersten Entwurf ihres Artikels für die Schülerzeitung schreibt sie: „Daraufhin geselle ich mich zu den freiwilligen Helfern, unter denen sich Vertreter aller Altersgruppen finden. Ich zähle insgesamt 15 Anwesende, darunter drei Dolmetscher. Eine von ihnen erzählt mir, dass es sehr schwer einzuschätzen ist, wann, wie viele mit einem Zug ankommen, da selbst die Polizei meistens erst 10 Minuten vor Ankunft Bescheid bekommt. Doch sind sie erst einmal da, werden sie mit allen Kräften versorgt und dann von den Polizisten zur Erstaufnahmestelle gefahren. Dabei geben anscheinend immer mehr an, überhaupt nicht in Deutschland bleiben zu wollen – zu viel Angst vor den Rechtsextremen, sagen sie.


Der nächste Zug wird um 15.23 Uhr erwartet, doch dann kommt die Meldung: die Reisenden werden nicht aussteigen, der Zug fährt gleich weiter. Also wird wieder gewartet, neue Plakate mit „Willkommen“ auf arabisch, englisch und deutsch aufgehangen, das Lager sortiert. Während wir nichts weiter zu tun haben, spreche ich mit Marco, der in meinem Alter zu sein scheint und eineinhalb Stunden entfernt an der Grenze zu Österreich lebt. Er erzählt mir, dass in seinem Dorf oft Flüchtlingsgruppen durchgehen und sich zwar einerseits schnell kleine Hilfstruppen bilden, andererseits aber auch viel negativ über diese Entwicklung geredet wird, vor allem in den Wirtshäusern. Da merkt man richtig, wie sich die Leute gegenseitig aufschaukeln und sich großes Unbehagen verbreitet. Allerdings sagt er auch, dass ihm schon oft aufgefallen sei, dass genau diese Leute, viel weniger extrem sind, wenn sie alleine darüber sprechen. Um 17.20 Uhr kommt dann der nächste Zug an und um die 15 Flüchtende steigen aus – eine syrische Familie mit zwei kleinen Töchtern, der Rest männliche Jugendliche aus Syrien und Afghanistan. Sofort bieten wir ihnen Wasser und Tee an, die Dolmetscher beantworten Fragen und machen anscheinend Späße, denn man hört ab und zu Lachen. Dann wird warme Kleidung verteilt und die Kinder bekommen Süßes. Bei manchen sind es bereits eingespielte Handgriffe und die, die neu dazu gekommen sind, so wie ich, schauen zu und machen nach.“
Die Organisation am Bahnhof in Passau ist eingespielt. Die Flüchtlinge werden registriert und versorgt. Dolmetscher helfen die Sprachbarriere zu überwinden. Interessant ist auch, dass vermeintliche Asylbewerber, die vorgeben aus Syrien zu kommen, aber es gar nicht sind, durch einfache Ansprache auf Arabisch erkannt werden. Die Temperaturen werden niedriger, so wird mehr warme Kleidung benötigt. Etwas gibt etwas zu essen und warme Getränke. Es gibt für die Kinder Spielzeug. Wie die Versorgung im Winter aussehen wird, weiß noch niemand.


Als Schülerin hat Charlotte eine Möglichkeit gefunden, aktiv zu helfen. Sie macht etwas, was ein Schüler machen kann. Sie gibt Nachhilfe. Viele von den Flüchtlingskindern gehen auf die Nikola-Mittelschule und kommen dann anschließend ein- bis zweimal pro Woche in die Bibliothek des Leopoldinums, um dort ihr Deutsch durch einfache Gespräche, Grammatikaufgaben oder Spiele zu verbessern. Eine der Nachhilfelehrer ist Charlotte und ihr Schüler ist der 16jährige Hafiz (Name geändert). Sie erzählt ihm viel von unserer Kultur und unseren Werten. Und sie hat sich auch seine Geschichte angehört und darüber geschrieben. Ihren Artikel gebe ich auszugsweise wieder: „Wir setzten uns etwas abseits in eine Ecke, ich zücke Block und Stift und er fragt mich, wo er anfangen soll. Unsicher, wieweit Hafiz bereit ist, sich mir zu öffnen, sage ich „am Anfang“ und er fängt an. Geboren wurde er in Afghanistan. Mit leuchteten Augen erzählt er mir wie lebendig dort das Leben ist, dass sich alle Kinder auf den Straßen treffen, miteinander spielen und die Älteren von ihnen fast die Erziehungsaufgaben der Eltern übernehmen. „Die Kinder auf den Straßen kennen keine Regeln“, sagt er, „Dass es welche gibt, habe ich auch erst gelernt, als ich älter wurde.“ Doch seine Kindheit war eine glückliche Zeit, am besten würde das ein Sprichwort aus seiner Heimat ausdrücken: „Wenn du 20 Jahre alt bist, hast du 60 Jahre gelebt.“


Seine Mutter ist Lehrerin und brachte ihm Zuhause unter anderem auch Englisch bei. Viel mehr aber war sie wohl seine Beschützerin, denn sein Vater war drogenabhängig, verdiente sich mit Wetten etwas dazu und war Zuhause oft wütend. Eines Tages kam es dann dazu, dass er nichts mehr zu verwetten hatte und so setzte er auf Hafiz, seinen damals 13-jährigen Sohn. Seine Mutter bekam zum Glück früh genug davon Wind, sagte ihm, er solle seine Sachen packen und versteckte ihn für ein paar Tage bei einem Nachbarn. Dieser gab ihnen Geld und den Kontakt zu einer Schleuserorganisation. Somit war Hafizs Reise nach Deutschland beschlossen. Zunächst stand ein neun Stunden langer Fußmarsch in den Iran an. Dort wurde er für zwei Jahre von seiner Tante aufgenommen und fing an, sich mit Nähen Geld zu verdienen, das er seiner Tante gab. Irgendwann sagte sie ihm, ihre Familie könne ihn nicht mehr mit ernähren und er wurde weiter geschickt. Die zweite Etappe bis in die Türkei konnte er in einem Transporter überwinden. Nach zwei Wochen des Wartens brachte man ihn schließlich auf ein drei Meter langes und zwei Meter breites Boot, welches ihn nach Griechenland bringen würde. 51 Menschen quetschten sich neun Stunden auf engsten Raum zusammen, es gab keine Verpflegung, nur eine Schwimmweste für jeden. Kurz vor der griechischen Küste zerschellte dann ihr Boot an einem Felsen. Doch trotz großer Erschöpfung, schafften es zum Glück alle an Land zu schwimmen und Erleichterung machte sich breit. Nach erneuten zwei Wochen Aufenthalt nahm Hafiz dann – bevor Ungarn seine Grenze dicht gemacht hat – die meist gewählte Route: Albanien, Serbien, Ungarn, Österreich und dann, endlich, Deutschland. Insgesamt hat ihn das drei Monate und 4000 Euro gekostet. Nun lebt er schon fast ein Jahr in Passau, spricht gutes Deutsch und hat neue Freunde gefunden, bis jetzt hauptsächlich andere Ausländer. Ich möchte von ihm wissen, was er in Zukunft vorhat. „Arbeiten“, antwortet er sofort, „Schulabschluss machen und mir dann ein neues Leben aufbauen.“
„Und hast du was von deiner Familie gehört?“, frage ich und er schüttelt zunächst nur den Kopf. „Irgendwann habe ich dann meine Tante angerufen. Die hat mir gesagt, dass sie weggezogen wären, aber keine Adresse hinterlassen haben. Ich weiß nicht, wo meine Familie ist. Ich werde sie wahrscheinlich nie wieder sehen.“ Hafizs Stimme ist klar und ruhig, dann sieht er mich direkt an und sein Blick lässt fast keine Trauer zu. „Am Anfang, habe ich oft geweint, doch irgendwann habe ich kapiert, dass ich damit abschließen muss. Ich schaue nach vorne, denn hier ist jetzt mein Leben.“

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5 Antworten to “Flüchtlinge in Passau – ein Erfahrungsbericht und wie eine 19jährige Schülerin hilft”

  1. Jens Says:

    Charlotte wird sich nur wundern!
    Wenn dieses Jahr 1,5 Mio Wirtschaftsflüchtlinge (sie kommen ja ALLE aus einem sicheren Drittland!) kommen, d.h. das nichts anderes als im Zuge der Familienzusammenführung nächstes Jahr 4-5 Mio kommen.
    Charlotte sollte sich schon einmal schlau machen wie man als Frau unter den Bedingungen der Scharia lebt. Selbst in Schweden- wo man wirklich bemüht ist Integration zu leben ist es bisher nicht gelungen Menschen muslimischen Glaubens in das westliche Wertesystem zu integrieren. Charlotte und alle anderen in diesem Land werden noch ihr blaues Wunder erleben.

    • Charlotte Says:

      Danke für die Empfehlung, aber etwas schlau hab ich mich schon gemacht und weiß, dass dieses Jahr mit 800 000 Asylsuchenden zu rechnen ist, vielleicht werden es auch noch mehr, nächstes Jahr werden es mit Sicherheit nicht weniger. Doch ein Großteil dieser Menschen kommt eben aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, dem Kosovo, Eritrea, Mazedonien und Montenegro, wo die Menschen teils vor Bürgerkriegen teils vor massiver Unterdrückung fliehen. Die Union und Teile der SPD wollen jetzt sogar Albanien, Kosovo und Montenegro zu „sicheren Herkunftsländern“ machen, obwohl dort rassistische Verfolgung herrscht, vor allem gegen Sinti und Roma.
      Woher kommen also Ihre 1,5 Mio Wirtschaftsflüchtlinge, die alle nach Deutschland wollen?
      Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie meinen, dass wir diese große Aufgabe der Flüchtlingsproblematik nicht alleine stemmen können und deshalb die Hilfe der anderen EU-Staaten bitter nötig haben. Gerade deshalb muss unser Appell an jene umso lauter sein.
      Aber auch wir in Deutschland können uns in Sachen Asylpolitik noch verbessern, indem die Politiker endlich aufhören, den helfenden Bürgern nur zu zuschauen und selbst handeln, indem sie vor allem in Bildung und Wohnungsbau investieren bzw, die Verteilung besser koordinieren. Zudem müssen wir Ländern wie Jordanien, Libanon und der Türkei, die schon Millionen von Flüchtlingen aufgenommen haben, schnelle finanzielle Hilfe leisten. Denn natürlich werden die Flüchtenden, die dort sind, weiterziehen, wenn sie für sich gelassen werden und auf sich gestellt sind, ohne Dach über dem Kopf, ohne Versorgung.
      Ihre Einstellung zur Integration hingegen, finde ich grundlegend falsch, sowas bringt uns nicht weiter. Integrieren ist nicht einfach und schon gar nicht nach ein paar Monate vollbracht. Dazu benötigt es Zusammenhalt in der Gesellschaft – dem sie z.B, mit ihrer Haltung schaden – Geduld und natürlich mehr speziell ausgebildete Fachkräfte wie Lehrer, die nicht nur Deutsch beibringen, sondern auch unsere Kultur, Werte, Rechte vermitteln, diesen Menschen unser Land verständlich machen – wobei sich auch jeder Bürger bei dieser Aufgabe je nach Maß seiner Möglichkeiten beteiligen kann.
      Und hier gilt es natürlich, auch wenn wir diesen Menschen mit anderer Kultur und Tradition entgegen kommen, sie mit unseren Grundgesetzen wie Meinungs- und Religionsfreiheit oder Gleichberechtigung der Geschlechter vertraut zu machen und klar zu sagen, dass es hier keine Kompromisse geben kann.
      Dass auch sie die Vielfalt als Geschenk annehmen und die Religion nicht mehr ihr Leben bestimmt, sondern bereichert. Dass sie nicht hier dasselbe Übel beginnen, das ihre Heimat, ihr Land zerstört hat.
      Doch um das zu erreichen, gilt es unausweichlich: Begegnungen über Begegnungen schaffen –
      sowohl von Seiten der Politiker, als auch von Seiten der Bürger.
      Jens sollte also nicht so denken, denn dann haben wir in dieser Angelegenheit schon verloren. Und was anderes, als unser Bestes zu versuchen, können wir kaum machen – außer wir betreiben eine ähnliche „Vertreibungspolitik“ wie manch andere Länder und behandeln diese Flüchtenden als Menschen niedrigerer Rechte.
      Doch würden Sie dann noch hier leben wollen?

  2. sabinealtehage Says:

    Guten Morgen Matthias,

    bist Du überhaupt zu Deinem Kurs für die Schülerzeitung im „Leo“ gekommen?

    Danke für Deinen Erfahrungsbericht aus Passau! Ich habe mir – als Abonnentin Deines Blogs – erlaubt, ihn auf unserer Facebook-Seite (der Passauer Gästeführer) zu posten, in der Hoffnung, dass Du nichts dagegen hast?! Er zeigt sehr persönliche Eindrücke!

    Aufgrund der vielen Touristen, die Passau (bedingt durch das langanhaltende Niedrigwasser) teilweise auch unbeabsichtigt länger besuchen, habe ich jede Menge Arbeit und habe leider – trotz Deiner und Thomas’ Hilfe während einiger Kreuth- und Banz-Fortbildungen – unsere Website noch immer nicht fertiggestellt. Ich weiß, das sind nur Ausreden ;-)! Aber für die „gästelose“ Zeit ab Januar habe ich die besten Vorsätze!

    Herzliche Grüße aus Passau Sabine Altehage Zertifizierte Gästeführerin DIN EN Tel.: +49 851 9885885 Mobil: +49 151 17818483 Mail: sabine.altehage@t-online.de

  3. Fabian Schmidmeier Says:

    Hat dies auf Fabian Schmidmeier rebloggt und kommentierte:
    Ein lesenswerter Erfahrungsbericht aus vom Blogger Matthias Lange

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