Buchkritik: Schantall, tu ma die Omma winken! Aus dem Alltag eines unerschrockenen Sozialarbeiters von Kai Twilfer

Ich brauchte ein Buch für die Zugfahrt – nichts fachliches, nur pure Unterhaltung. Es gibt so viel leichte Lektüre und ich wählte das Büchlein Schantall, tu ma die Omma winken! Nach dem Abschluss der Lektüre bin ich gespalten. Es sind zum Teil wunderbare Beobachtungen der deutschen Unterschicht und ich habe köstlich gelacht. Und dann hab ich mich geschämt, mir ist das Lachen im Halse stecken geblieben. Wie kann man sich so über Mitmenschen erheben? 

Gibt es wirklich diese beschriebene RTL-2-Unterschicht? Die Person eines imaginären Sozialarbeiters wird vom Autoren im Ruhrpott angesiedelt. Es sind humorvolle Beschreibungen einer bildungsfernen Schicht, die in ihrer eigenen Welt der Klisches leben. Gibt es diese einfachgestrickte Paralellwelt zum Bildungsbürgertum? Ich denke schon – die Gesellschaft ist vielfältig.

Wie weit geht man jetzt als Autor? Wo ist die Grenze zwischen Humor und Gesellschaftskritik? Und warum erhebt sich Autor Kai Twilfer über diese Menschen mit seinem Buch? Das Buch ist aus zwei Perspektiven geschrieben. Da wäre auf der einen Seite die Erlebnisse der konsumorientierten Schantall als alleinerziehende Mutter, die bei den Eltern wohnt und sich nach einem Leben im Glitzerwohlstand sehnt, mit dem Reisebus in den Massentourismus fährt, auf der Suche nach einem Partner ist, der ihr Sicherheit und Einkommen gibt. Die scharfsinnigen, zum Teil humorvollen Analysen des imaginären Sozialarbeiters über sein Schäfchen Schantall treffen den Nerv, aber dann kommt die zweite Ebene des Autors.

Er erweitert seine Analyse über Schantall hinaus. Er stellt sich über Schantall und übt klassische Gesellschaftskritik. Er analysiert beispielsweise den Drang zu Tätowierungen – das Arschgeweih darf nicht fehlen, zu billigen Wohneinrichtungen aus Pressspan, schreibt über Paarungsriten, analysiert das Verhalten von B- und C-Prominenz oder das Freizeitverhalten. Viele der Kritikpunkte treffen und halten einen Spiegel vor, aber durch diesen Ebenenwechsel bricht das Buch auseinander. Das hat mir nicht gefallen und obwohl ich zeitweise auf meiner Bahnfahrt schallend gelacht habe, werde ich mir kein Buch mehr von Kai Twilfer kaufen, obwohl er auf den Bestsellerlisten steht. Er wird es verschmerzen und ich auch.

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