Verlassene Fabriken, vergessene Bauernhöfe, geplünderte Krankenhäuser und die Geschichten hinter zerfallenden Mauern: Im PresseClub München gewährte die Lost-Places-Fotografin Agnes Hörter faszinierende Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch mit Matthias J. Lange, Beirat im Vorstand des PresseClubs München, sprach sie über die Ästhetik des Verfalls, ihre fotografische Leidenschaft, gefährliche Begegnungen, den verantwortungsvollen Umgang mit verlassenen Orten und die zerstörerischen Auswirkungen sozialer Medien. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt einer neuen Reihe zur Fotografie im PresseClub München.

Es sind Orte, die ihre ursprüngliche Bestimmung längst verloren haben. Gebäude, in denen einst Menschen lebten, arbeiteten, feierten oder litten. Heute stehen sie leer, verfallen langsam und werden von der Natur zurückerobert. Für viele Menschen sind solche Ruinen lediglich Schandflecken oder gefährliche Überreste vergangener Zeiten. Für Agnes Hörter dagegen sind sie faszinierende Zeitzeugen, die Geschichten erzählen. Die Fotografin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sogenannten Lost Places und hat ihre Entdeckungen bereits in drei Büchern dokumentiert. Hier die Aufzeichnung des Gesprächs im PresseClub.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Ort seine Geschichte selbst erzählt“, erklärte Hörter im PresseClub München. „Der eine gibt mehr oder weniger von sich preis.“ Genau diese Geschichten sind es, die sie antreiben. Dabei geht es ihr nicht ausschließlich um spektakuläre Bilder, sondern um die Menschen, die Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich hinter verlassenen Mauern verbergen.
Mit der Veranstaltung eröffnete der PresseClub München eine neue Reihe, die sich verstärkt der Fotografie widmen soll. Moderator Matthias J. Lange betonte zur Begrüßung die Bedeutung der Fotografie als Bestandteil journalistischer Arbeit. Bilder seien weit mehr als Illustrationen. Sie dokumentierten Wirklichkeit, vermittelten Zusammenhänge und könnten Geschichten erzählen, die sich mit Worten allein kaum beschreiben ließen. Mit Agnes Hörter habe man bewusst eine Fotografin eingeladen, die sich einem ungewöhnlichen fotografischen Genre verschrieben habe.
Eine verlassene Möbelfabrik als Beginn einer Leidenschaft
Der Ursprung von Hörters Begeisterung liegt in einer zufälligen Entdeckung. Bei einem Spaziergang stieß sie auf eine verlassene Möbelfabrik. Eine eingestürzte Industriehalle, überwucherte Gleise und die Überreste einer längst eingestellten Produktion weckten ihre Neugier. „Das ist schon irre, wenn man sich vorstellt, dass da mal produziert wurde und dann wachsen da Farne, kleine Bäume, Moose, Pilze“, erinnerte sie sich. „Da, wo früher gearbeitet wurde, das ist so ein ganz neuer kleiner Kosmos.“
Was von außen wie eine gewöhnliche Ruine ausgesehen habe, entpuppte sich im Inneren als geheimnisvolle Welt. „Das ist auch so ganz anders wie das, was man sonst sieht. Und das sieht man nicht, wenn man nicht in dieses Gebäude kommt.“ Aus dieser ersten Entdeckung entwickelte sich eine Leidenschaft, die Hörter bis heute nicht losgelassen hat. Die Faszination beginnt für sie bereits vor dem Betreten eines Gebäudes. „Ich glaube, in allererster Linie bin ich aufgeregt. Es ist spannend. Ich habe da was gefunden. Und dann juckt es mich so ein bisschen in den Fingern.“
Allerdings unterscheidet sie deutlich zwischen verlassenen Industrieanlagen und ehemaligen Wohnhäusern. Während Fabriken vor allem ihre Neugier auf technische und historische Zusammenhänge wecken, lösen zurückgelassene Wohnungen und Bauernhöfe häufig ganz andere Gefühle aus. „Ich glaube, das berührt einen schon, wenn du plötzlich in einem Zimmer stehst und da ist noch ganz viel drin“, sagte Hörter. „Da fühlt man sich dann schon so als Eindringling.“
Besonders bewegend sei der Anblick vollständig eingerichteter Häuser, deren Bewohner offenbar eines Tages verschwunden seien. Möbel, Kleidung, Zeitungen und persönliche Gegenstände ließen erahnen, wie die Menschen einst gelebt hätten. „Das ist dann auch so ein Moment, wo man sich überlegt: Mache ich das jetzt eigentlich? Gucke ich mich in einem fremden Leben um oder lasse ich es lieber?“ Ihre Antwort fiel bemerkenswert offen aus: „Aber meistens, muss ich zugeben, bin ich einfach zu neugierig und das ist zu spannend.“



Wenn verlassene Häuser von Einsamkeit erzählen
Wie intensiv sich Hörter mit den Geschichten hinter ihren Motiven beschäftigt, verdeutlichte sie anhand eines verlassenen Bauernhofs. Dessen ehemaliger Bewohner war ein hochdekorierter Feuerwehrkommandant gewesen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er offenbar nur noch wenige Räume im Erdgeschoss genutzt. Die oberen Stockwerke waren über Jahrzehnte weitgehend unverändert geblieben, während Teile des Gebäudes bereits einstürzten.
Für die Fotografin entstand daraus ein berührendes Bild menschlicher Vergänglichkeit. Wie konnte ein Mann, der beruflich große Verantwortung getragen hatte, am Ende unter derart schwierigen Bedingungen leben? „Da fragt man sich unwillkürlich, was ist da passiert?“, erzählte Hörter. Vielleicht sei der Mann zu stolz gewesen, um Hilfe anzunehmen. Vielleicht habe er seine Selbstständigkeit nicht aufgeben wollen. Sie machte allerdings deutlich, dass solche Überlegungen Interpretationen seien und keine gesicherten Erkenntnisse. „Das sind natürlich alle Spekulationen.“
Gerade hier zeigte sich die besondere Verbindung zwischen Fotografie und journalistischem Erzählen. Denn Hörter möchte nicht bloß den Verfall dokumentieren. Sie versucht, den Menschen hinter den zurückgelassenen Gegenständen gerecht zu werden. „Ich glaube, es gibt auch eine Grenze dessen, was man zeigen kann oder zeigen sollte.“
Im Fall des ehemaligen Feuerwehrkommandanten entschied sie sich deshalb, vor allem die erhalten gebliebenen schönen Wohnbereiche und dessen Engagement bei der Feuerwehr zu dokumentieren. Die Verwahrlosung sollte nicht im Mittelpunkt stehen. „Man muss ja nicht das Schlechte hervorheben“, betonte sie.
Damit berührte das Gespräch eine zentrale Frage des dokumentarischen Journalismus: Darf alles gezeigt werden, nur weil es fotografiert werden kann? Und welche Verantwortung trägt derjenige, der private Lebensgeschichten öffentlich macht? Für Hörter gehört der Respekt vor den früheren Bewohnern untrennbar zu ihrer fotografischen Arbeit.
Die Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die fotografische Arbeitsweise. Hörter besitzt eine künstlerische Ausbildung, betrachtet ihre Arbeit aber nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten. „Ich glaube, jedes Foto ist irgendwo auch ein bisschen künstlerisch“, erklärte sie.
Entscheidend sei zunächst, die besondere Atmosphäre eines Ortes einzufangen. Dabei arbeite sie mit vergleichsweise überschaubarer Ausrüstung. Neben einer kleinen Digitalkamera nutzt sie inzwischen eine zweite Kamera, ein Weitwinkelobjektiv, ein Stativ und bei Bedarf zusätzliche Beleuchtung. Die Ausrüstung müsse vor allem zuverlässig funktionieren. Schließlich seien die Bedingungen in verlassenen Gebäuden selten ideal. Häufig herrsche Zeitdruck, Räume seien dunkel und manche Orte könnten nur schwer erreicht werden. „Manchmal weißt du einfach, du hast nicht viel Zeit, du musst dich beeilen. Dann brauchst du eine kleine Kamera, auf die du dich verlassen kannst.“
Bei größeren Fabrikanlagen könne eine fotografische Erkundung durchaus sechs oder acht Stunden dauern. Deshalb gehörten neben Kameras und Taschenlampen auch Proviant und Verbandsmaterial zur Ausrüstung. Hörter versucht, jeden Raum möglichst vollständig zu dokumentieren. Neben Gesamtansichten entstehen Detailaufnahmen von Maschinen, Möbeln, Werkzeugen oder persönlichen Gegenständen. „Ich versuche immer, das Raum für Raum vorzugehen“, beschrieb sie ihre Methode.
Dabei habe sie durchaus aus Fehlern gelernt. Einmal sei sie aus einem großen Bauernhaus mit zahlreichen gelungenen Detailaufnahmen zurückgekehrt, habe aber vergessen, einen besonders interessanten Raum vollständig zu fotografieren. „Da habe ich mich aber geärgert.“
Die digitale Nachbearbeitung ihrer Bilder hält Hörter bewusst zurückhaltend. Sie fotografiert überwiegend im JPEG-Format und korrigiert anschließend vor allem Kontraste, Helligkeit und Farben. „Ich versuche vorrangig, die Stimmung vor Ort zu transportieren. Und im Grunde braucht es da nicht sehr viel.“ Auch HDR-Techniken setzt sie gelegentlich ein, etwa um verborgene Strukturen oder alte Tapetenmuster sichtbar zu machen. Allerdings gilt für sie der Grundsatz: „So wenig wie möglich, nur das, was nötig ist.“
Besonders interessant war ihre Haltung zum Bewegtbild. Obwohl sie mittlerweile auch eine Drohne besitzt, möchte sie sich nicht unbedingt zur Videoproduzentin entwickeln. „Ich glaube, Videos wird nicht so mein Ding“, sagte sie. Das Internet sei bereits von zahllosen, häufig reißerisch aufgemachten Videos überschwemmt. Sie sehe keinen Grund, sich diesem Trend anschließen zu müssen.
Drohnen eröffnen neue Perspektiven
Die Drohnenfotografie betrachtet Hörter dagegen als wertvolle Ergänzung ihrer Arbeit. Gerade bei weitläufigen Industrieanlagen ermögliche der Blick aus der Luft Erkenntnisse, die vom Boden aus kaum zu gewinnen seien. „Denn eine große Kristallfabrik oder so, du kriegst ja diesen ganzen Komplex nie zusammen“, erläuterte sie.
Aus 60 oder 70 Metern Höhe ließen sich beispielsweise Produktionshallen, Lagerflächen und Transportwege erkennen. Mitunter würden dadurch sogar historische Produktionsabläufe verständlich. Auch ehemalige Schwimmbäder oder Freizeitparks entwickelten aus der Vogelperspektive eine eigene Ästhetik. Die Anordnung von Wasserbecken, Rutschen und Gebäuden werde erst aus der Luft vollständig sichtbar.
Hörter betonte allerdings, dass der Einsatz einer Drohne zusätzliche technische Kenntnisse und die Beachtung gesetzlicher Vorschriften erfordere. Besonders bei Flügen innerhalb einsturzgefährdeter Gebäude sei sie zurückhaltend.
Wenn aus Fotografieren ein Polizeieinsatz wird
Dass Lost-Places-Fotografie nicht nur romantische Entdeckungen bereithält, sondern durchaus gefährlich werden kann, verdeutlichte Hörter mit einer spektakulären Geschichte aus Hessen. Gemeinsam mit zwei Begleitern erkundete sie einen verlassenen Krankenhauskomplex. Die Eingangstür stand offen. Im Keller begegnete die Gruppe zunächst mehreren mutmaßlichen Kabeldieben, die sich beim Anblick der Fotografen erschreckten und flüchteten.
Die Fotografen setzten ihre Erkundung fort. Wenig später hörte Hörter plötzlich schwere Schritte und den Ruf: „Hände hoch, Polizei!“ Zunächst glaubte sie an einen Scherz anderer Besucher. Doch die Situation wurde schnell ernst. Schwer ausgerüstete Polizisten durchsuchten das Gebäude und kontrollierten ihre Begleiter. „In dem Moment merkst du, okay, das ist ernst.“
Hörter selbst hatte sich zunächst in einem Raum aufgehalten und wurde schließlich ebenfalls entdeckt. Rückblickend berichtete sie mit trockenem Humor von ihrer Reaktion. „Ich war vielleicht so schockiert, dass ich gar keine Angst mehr haben konnte. Ich war eigentlich nur besorgt um meine Fotos.“
Wie sich herausstellte, waren die Fotografen mitten in eine verdeckte Polizeiaktion gegen Kabeldiebe geraten. „Das war echt ungünstig“, kommentierte Hörter die Situation. Nachdem die Personalien aufgenommen worden waren, durfte die Gruppe das Gebäude verlassen. Konsequenzen habe die Begegnung für sie nicht gehabt.
Eine weitere abenteuerliche Geschichte spielte in einem ehemaligen Swingerclub, dessen Räume aufwendig künstlerisch gestaltet worden waren. Ein Ägyptenzimmer, ein Dschungelzimmer und weitere Themenräume machten das Gebäude zu einem außergewöhnlichen fotografischen Motiv. Allerdings fühlten sich Hörter und ihre Begleitung zunehmend unwohl. Als im Keller plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtete, ertönte der vereinbarte Alarmruf: „Lauf!“
„Was dazu geführt hat, dass ich dann einen Hechtsprung aus dem Fenster gemacht habe. James Bond hätte es nicht besser machen können.“
Nach Hörters Schilderung gehörte das Gebäude einer Rockergruppe. Ob tatsächlich Gefahr bestanden habe, blieb offen. Hörter war jedenfalls froh, den Ort verlassen zu haben. Solche Erlebnisse seien jedoch keineswegs der Grund, weshalb sie Lost Places fotografiere. Auf die Frage nach ihrer Abenteuerlust erklärte sie: „Da bin ich eher so zurückhaltend. Abenteuer brauche ich nicht unbedingt. Also manchmal ist mir das entspannte Fotografieren lieber.“
„Zu ist zu“ – der schwierige Ehrenkodex der Lost-Places-Szene
Ausführlich diskutierten Hörter und Lange über die rechtlichen und moralischen Grenzen der Lost-Places-Fotografie. Ein Grundsatz, den Hörter auch in ihren Büchern vertritt, lautet: „Zu ist zu.“
Sie selbst breche keine Türen auf und zerstöre keine Schlösser. Gleichzeitig räumte sie offen ein, dass viele ihrer fotografischen Entdeckungen nur deshalb möglich seien, weil andere Menschen zuvor unbefugt Zugänge geschaffen hätten. „Die Krux an der Geschichte ist, ich würde in die meisten Gebäude ja nicht reinkommen, wenn nicht vorher jemand eingebrochen oder aufgebrochen hätte.“
Das sei ein Widerspruch, mit dem sie leben müsse. Viel lieber würde sie offizielle Genehmigungen erhalten. Doch gerade bei leerstehenden Gebäuden seien Eigentumsverhältnisse häufig kompliziert und Ansprechpartner schwer zu erreichen. „Es wäre mir schon lieber, ich würde eine Genehmigung bekommen. Aber da rennst du ja oft gegen Wände.“
Hörter warnte zugleich davor, die gesamte Lost-Places-Szene pauschal als verantwortungsbewusste Gemeinschaft darzustellen. „Es heißt immer, ja, das sind die Lost-Place-Fotografen, die machen sowas nicht. Aber ich glaube, es gibt nichts, was es nicht gibt.“
Tatsächlich gebe es auch Fotografen, die Motive bewusst zerstörten, nachdem sie ihre eigenen Bilder aufgenommen hätten, damit andere diese Aufnahmen nicht mehr machen könnten. „Ich glaube, es ist schon so ein bisschen eine Blase zu sagen, wir sind die Guten.“ Der Ehrenkodex existiere durchaus noch. Doch Hörter beobachtet mit Sorge, dass er zunehmend an Bedeutung verliere.
Wenn die Veröffentlichung zur Zerstörung führt
Besonders eindringlich wurde das Gespräch, als es um die Verantwortung von Medien und sozialen Netzwerken ging. Hörter machte deutlich, dass die Veröffentlichung von Lost-Places-Fotografien schwerwiegende Folgen für die dokumentierten Orte haben könne. „Man sagt immer so, die sozialen Medien sind dafür verantwortlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es auch Presseberichte sind. Ganz eindeutig.“
Problematisch seien vor allem Veröffentlichungen, die genaue Standorte nennen und zugleich darauf hinweisen, dass Gebäude unbewacht seien. „Gerade wenn noch explizit herausgearbeitet wird, dass da schon lange keiner mehr ist und da sich niemand drum kümmert.“
Als Beispiel schilderte sie eine ehemalige Westernstadt bei Nürnberg. Nachdem ein Onlineartikel über den verlassenen Ort erschienen war, hätten sich zahlreiche Besucher auf den Weg gemacht. Innerhalb kürzester Zeit seien Zäune beschädigt, Gegenstände gestohlen und Scheiben eingeschlagen worden. „Es ist wirklich ein echtes Problem.“
Die Entwicklung habe sich durch soziale Medien dramatisch beschleunigt. Während sich früher kleine Gruppen von Fotografen untereinander austauschten, würden heute Standortdaten teilweise systematisch gesammelt und sogar verkauft. „Inzwischen werden Apps gemacht. Du kannst dir eine App runterladen, die dir, wenn du rumfährst, gleich bimmelt, wenn da irgendwo was ist.“
Teilweise würden Koordinaten gegen Bezahlung angeboten. Was früher mühsame Recherche erforderte, sei heute mit wenigen Klicks verfügbar. „Heute kann es wirklich eine Woche dauern. Ein Ort wird gefunden, kommt in so eine Karte. Du siehst zehn, zwanzig, dreißig Fotos, Videos und Filmchen im Internet. Und danach war es das.“
Besonders erschütternd sei die Entwicklung bei verlassenen Schwimmbädern, Krankenhäusern und Hotels. Ein bekannt gewordener Standort ziehe nicht nur Fotografen an, sondern auch Diebe, Randalierer und Menschen, die gezielt Zerstörung suchten.
Der Rosenhof: Ein Beispiel für den Verlust eines Kulturguts
Eine besonders traurige Geschichte erzählte Hörter über einen alten Bauernhof, den sie als Rosenhof bezeichnete. Das Gebäude war liebevoll eingerichtet und dekoriert worden. Möbel, Bilder und zahlreiche persönliche Gegenstände vermittelten einen Eindruck vom früheren Leben seiner Bewohner. Ein wunderschöner Rosengarten ergänzte das Anwesen.
Doch nachdem Aufnahmen des Hauses im Internet aufgetaucht waren, begann dessen Plünderung. Ein Bekannter habe ihr schließlich Bilder von Möbeln geschickt, die auf einer tschechischen Kleinanzeigenplattform angeboten wurden. Hörter erkannte die Einrichtungsgegenstände des Bauernhofs wieder. „Und beim Ranzoomen hat man gesehen, auch die Farbfehler. Das waren genau die Möbel aus diesem Hof.“
Offenbar waren große Teile der Einrichtung systematisch abtransportiert worden. „Es ist komplett ausgeräumt worden.“ Als Hörter später zurückkehrte, fand sie ein verwüstetes Gebäude vor. Die einstige Atmosphäre war unwiederbringlich zerstört.
Besonders bitter: Die Erben hatten offenbar versucht, das Anwesen zu schützen. Nach Hörters Schilderung deuteten Aufnahmen einer Überwachungskamera auf den Abtransport von Gegenständen hin. „Und das alles, weil es ein Video im Internet gab“, sagte Hörter.
Die Geschichte verdeutlichte ein grundlegendes Dilemma ihrer Arbeit: Fotografien können historische Orte bewahren, indem sie deren Zustand dokumentieren. Gleichzeitig können genau diese Bilder Menschen anlocken, die zur endgültigen Zerstörung beitragen.
Respektlosigkeit, Vandalismus und die Frage nach den Ursachen
Im weiteren Verlauf berichtete Hörter von zahlreichen verlassenen Gebäuden, die nach ihrer Entdeckung mutwillig zerstört wurden. Besonders erschütternd sei für sie der Zustand einer ehemaligen Klinik in Höchenschwand im Schwarzwald gewesen. „Das sind so Momente, die machen mich wirklich sprachlos und wütend.“
Dabei gehe es längst nicht mehr ausschließlich um Diebstahl. Zwar würden professionelle Täter weiterhin Kupferleitungen, Kabel und andere wertvolle Materialien aus leerstehenden Gebäuden entfernen. Doch daneben gebe es Menschen, die offenbar aus reiner Zerstörungslust handelten. „Wirklich zu fünft, zu sechst nachts in so ein Gebäude einzudringen und es von oben bis unten klein zu klopfen. Das ist leider so.“
Auf die Frage aus dem Publikum, woher diese Wut komme, konnte auch Hörter keine abschließende Antwort geben. „Ich glaube, es gibt wirklich Leute, die Frust ablassen wollen.“
Sie schilderte einen ehemaligen Hotelkomplex am Tegernsee, in dem Waschbecken, Türen und andere Einrichtungsgegenstände mit einer Axt zerstört worden waren. Gleichzeitig hätten Diebe bereits Metallbeschläge für den Abtransport bereitgelegt. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass sich das Gebäude mitten in einem belebten Ort befunden habe. „Also auch wenn das sehr prominent ist, das Hausgebäude, das hilft nicht, dass so was passiert.“
Hörter kritisierte außerdem eine Entwicklung, bei der sich Menschen beim Eindringen in verlassene Gebäude selbst filmten und ihre Aktionen anschließend in sozialen Netzwerken veröffentlichten. „Inzwischen siehst du ganz viele Videos, wo sich Leute zeigen, wie sie in ein Gebäude einsteigen.“
Hinzu komme eine zunehmende Inszenierung. Gegenstände würden verschoben, Räume dekoriert oder zurückgelassene Kostüme für Videos verwendet. Für Hörter ist dies mit ihrer Vorstellung dokumentarischer Fotografie kaum vereinbar. „Ich fasse ja teilweise nicht mal was an“, erklärte sie. „Und ich finde auch, dass es sehr respektlos diesem Ort gegenüber ist.“
Selbst vermeintlich gut gemeinte Aufräumaktionen betrachtet sie kritisch. Denn wenn Menschen Möbel umstellen, Müll beseitigen und Räume dekorieren, verändern sie den ursprünglichen Zustand und damit die Geschichte des Ortes. Allerdings räumte sie ein: „Die Leute sind mir dann doch lieber als die, die alles zerstören.“
Industriekultur als Gedächtnis einer Gesellschaft
Eine besondere Leidenschaft entwickelt Hörter für historische Industrieanlagen, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern. Dort dokumentiert sie nicht nur verlassene Fabriken, sondern beschäftigt sich intensiv mit der wirtschaftlichen und technischen Vergangenheit. „Es macht mich manchmal auch sprachlos, wenn ich sehe, was da passiert ist“, erklärte sie.
Besonders faszinierend sei für sie die Vielfalt der ehemaligen volkseigenen Betriebe der DDR. „Ich hätte gar nicht gewusst, es gab auch wirklich für alles eine Fabrik. Nur für Hausschuhe. Und eine Fabrik nur für irgendwelche Bolzen.“
Je intensiver sie sich mit einem Betrieb beschäftige, desto mehr Zusammenhänge würden sichtbar. Lieferketten, Produktionsverfahren und Verbindungen zwischen verschiedenen Unternehmen ergäben ein immer komplexeres Bild. „Man hat mal so angefangen zu graben. Das wird immer größer.“
Gerade die historische Industriekultur sei deshalb für sie ein nahezu unerschöpfliches Forschungsgebiet. Hörter verwies dabei auch auf die Veränderungen durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Wie frühere industrielle Umbrüche würden auch diese Entwicklungen Unternehmen, Produktionsstätten und ganze Berufsbilder verändern.
Die Frage, welche Spuren unsere heutige Gesellschaft für kommende Generationen hinterlassen werde, schwang dabei mit. Während historische Fabriken mit ihren Backsteinfassaden, Maschinenhallen und Schornsteinen häufig eine besondere architektonische Qualität besäßen, könnten moderne Zweckbauten diese Faszination möglicherweise nur schwer vermitteln.
Ein viertes Buch über Kunst in Ruinen
Neben ihren bisherigen drei Büchern arbeitet Agnes Hörter bereits an einem weiteren Projekt. Diesmal soll es um die Verbindung zwischen verlassenen Gebäuden und zeitgenössischer Kunst gehen. Im Mittelpunkt stehen Graffiti, großflächige Wandbilder und künstlerische Installationen in ehemaligen Industrieanlagen.
Dabei unterscheidet Hörter deutlich zwischen wahllosen Schmierereien und anspruchsvoller Street-Art. „Aber es gibt auch richtig gute Leute“, sagte sie über die Graffiti-Künstler. „Und da habe ich so nach und nach Sachen gesehen, da war ich echt sprachlos und hab mir gedacht, das muss ich den Leuten zeigen.“
Das geplante Buch soll deshalb nicht nur fotografische Dokumentationen enthalten, sondern auch einzelne Künstler porträtieren. Besonders interessant findet Hörter organisierte Kunstprojekte, bei denen leerstehende Industriegebäude vorübergehend für internationale Künstler geöffnet werden.
Dabei entstehen großformatige Wandbilder, Installationen und andere Kunstwerke, die den verlassenen Räumen für kurze Zeit neues Leben verleihen. Anschließend können Besucher die Gebäude im Rahmen von Veranstaltungen besichtigen. Historische Führungen vermitteln zusätzlich die ursprüngliche Bedeutung der Anlagen.
Für Hörter ist das ein überzeugendes Konzept: Industriekultur wird nicht einfach dem Verfall überlassen, sondern für Kunst und Öffentlichkeit neu erschlossen.
Wie groß ihre Leidenschaft für besondere Motive ist, zeigte eine weitere Geschichte. Jahrelang hatte sie nach einem außergewöhnlichen Graffiti in einem ehemaligen Kraftwerk gesucht. Schließlich gelang es ihr, den Standort durch aufwendige Recherchen einzugrenzen. Als sich eine Gelegenheit ergab, konnte sie das Gebäude schließlich fotografisch erkunden. „Wir haben sechs Stunden lang gesucht, nur für dieses eine Foto.“ Ein Aufwand, der eindrucksvoll verdeutlicht, wie viel Geduld und Beharrlichkeit hinter ihren Bildern stecken.
Schiffswracks als neue fotografische Herausforderung
Zum Abschluss des moderierten Gesprächs richtete Matthias J. Lange den Blick auf einen weiteren Traum der Fotografin: die Dokumentation versunkener Schiffe. „Ja, definitiv“, antwortete Hörter auf die Frage, ob diese Idee noch aktuell sei.
Bereits an der französischen Atlantikküste hatte sie zwei Schiffswracks entdeckt, die bei Niedrigwasser zugänglich waren. Mithilfe von Satellitenbildern und Informationen über die Gezeiten gelang es ihr, die Überreste aufzuspüren. „Wir hatten dann ungefähr eine halbe Stunde Zeit, um die dann zu fotografieren.“
Besonders beeindruckend seien die Drohnenaufnahmen gewesen, auf denen sich die Wracks im Sand und im zurückkehrenden Wasser abzeichneten. Inzwischen hat Hörter sogar eine Unterwasserdrohne angeschafft. Erste Versuche auf bayerischen Seen erwiesen sich allerdings als schwieriger als erwartet. „Ich hatte null Ahnung, wo dieses Ding unter Wasser rumfährt.“
Vor allem die schlechte Sicht unter Wasser mache die Navigation kompliziert. Doch aufgeben möchte sie nicht. „Ich habe es noch nicht aufgegeben. Die meisten Wracks werden ja auch noch eine Weile liegen bleiben.“ Damit dürfte sich für die Fotografin möglicherweise ein weiteres Kapitel ihrer Arbeit eröffnen.
Eine Archäologin der jüngeren Vergangenheit?
In der anschließenden Publikumsdiskussion wurden Fragen nach Eigentumsrechten, Drohnenvorschriften, Vandalismus und dem gesellschaftlichen Wert der Lost-Places-Fotografie vertieft. Besonders interessant war die Frage eines Besuchers, ob Hörter sich als eine Art Archäologin verstehe. „Werden Sie beleidigt, wenn ich Sie als Archäologin bezeichne?“, wollte er wissen. „Nein, überhaupt nicht“, antwortete sie.
Tatsächlich gibt es bemerkenswerte Parallelen zwischen ihrer Arbeit und archäologischer Forschung. Beide beschäftigen sich mit den materiellen Hinterlassenschaften vergangener Lebenswelten. Beide versuchen, aus Gegenständen, Gebäuden und räumlichen Zusammenhängen Rückschlüsse auf die Menschen zu ziehen, die diese Orte einst nutzten.
Allerdings handelt es sich bei Hörters Arbeit nicht um wissenschaftliche Archäologie, sondern um eine Verbindung aus fotografischer Dokumentation, historischer Recherche und persönlicher Interpretation. Gerade diese Mischung macht ihre Bilder und Bücher interessant. Sie dokumentiert nicht nur den Zustand eines Gebäudes, sondern fragt nach seiner ursprünglichen Funktion, seinen Bewohnern und seiner Bedeutung für die Gesellschaft.
Dabei kommt ihr eine Eigenschaft zugute, die auch für journalistische Arbeit unverzichtbar ist: Neugier. „Also mich interessiert es unheimlich“, erklärte sie über ihre historischen Recherchen. „Und wenn ich sowas finde, dann muss ich auch immer gucken, dass das nicht alles zu ausufernd wird.“
Die Fotografien bilden den Ausgangspunkt. Doch häufig beginnt die eigentliche Geschichte erst danach.
„Diese verlorenen Orte sind für mich Orte der Ruhe und der Stille“
Die vielleicht persönlichste Antwort des Abends gab Agnes Hörter auf die Frage nach ihrer tiefsten Motivation. Warum zieht es sie immer wieder in verlassene Gebäude, obwohl diese oft schmutzig, gefährlich und schwer zugänglich sind? Warum verbringt sie Stunden in dunklen Fabrikhallen, einsturzgefährdeten Bauernhäusern und überwucherten Industrieanlagen?
Hörter verwies auf eine Fernsehdokumentation über ihr Leben, die unter dem Titel „Weibsbilder“ im Bayerischen Fernsehen gezeigt wurde. Darin werde deutlich, was diese Orte für sie persönlich bedeuteten. „Diese verlassenen, verlorenen Orte, wo andere sich gruseln, die sind eher für mich Orte der Ruhe und der Stille.“
Gerade die Abwesenheit anderer Menschen mache einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus. „Ich möchte auch am liebsten niemandem begegnen. Ich hasse das, wenn da noch andere rumlaufen.“ Was für Außenstehende wie eine unwirtliche Ruine erscheint, empfindet Hörter als Rückzugsort. „Aber für mich ist das so eine Oase der Stille, der Ruhe. Und das zieht mich an.“
Dann wurde die Fotografin ungewöhnlich persönlich. Vielleicht, so überlegte sie, gebe es eine Verbindung zwischen den verlassenen Orten und eigenen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. „Diese verlorenen Orte haben so ein bisschen auch das, was ich vielleicht als Kind so, diese Verlorenheit, die ich hatte.“
Es sei schwer, diese Verbindung genau zu erklären. Doch sie spüre, dass darin ein wesentlicher Teil ihrer Motivation liege. „Wir haben uns da schon irgendwie gefunden.“
Dabei romantisiere sie die tatsächlichen Bedingungen keineswegs. „Es stinkt, es ist dreckig, man saut sich ein. Du musst gucken, wegen Schimmel und Zeug. Es ist, weiß Gott, nichts, was irgendwie heimelig ist.“ Ein gewöhnlicher Spaziergang im Wald wäre sicherlich angenehmer. „Aber ich kann es nicht lassen.“
Mit diesen Worten endete ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklich stimmender Abend im PresseClub München. Moderator Matthias J. Lange dankte Agnes Hörter für ihre Offenheit, ihre eindrucksvollen Fotografien und die vielen persönlichen Geschichten. Zugleich kündigte er an, dass sich der PresseClub künftig verstärkt mit unterschiedlichen Facetten der Fotografie beschäftigen wolle.
Der Auftakt machte deutlich, wie eng Fotografie, Geschichtsschreibung und Journalismus miteinander verbunden sind. Bilder können Erinnerungen bewahren, historische Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen für den Wert vergessener Orte sensibilisieren. Sie können allerdings auch Begehrlichkeiten wecken und damit unbeabsichtigt zur Zerstörung dessen beitragen, was sie dokumentieren.
Agnes Hörter bewegt sich seit Jahren in diesem Spannungsfeld. Ihre Fotografien sind Momentaufnahmen einer verschwindenden Welt, ihre Bücher zugleich Erinnerungsarbeit und persönliche Spurensuche.
Am Ende blieb vor allem eine Erkenntnis: Verlassene Orte sind nicht geschichtslos. Ihre Geschichten sind lediglich verstummt. Menschen wie Agnes Hörter sorgen dafür, dass sie wieder gehört und gesehen werden – bevor die letzten Spuren für immer verschwinden.
Tags: Agnes Hörter, Fotografie, Fotojournalismus, Fotokunst, Industriefotografie, Lost Place, PresseClub München
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