Mein Besuch der Passionsspiele in Oberammergau

Ich bin wahrlich kein religiöser Mensch, aber die Passionsspiele in Oberammergau wollte ich dann doch sehen. Meine Frau und ich schlossen einen Deal: Sie begleitet mich nach Bayreuth zu Wagner und ich begleite sie nach Oberammergau zum Leidenweg Jesu. Beide Aufführungen waren ein Erlebnis.

Alle zehn Jahre werden in Oberammergau die Passionsspiele aufgeführt. Aufgrund von Corona mussten die Aufführungen verschoben werden, so dass die nächste Show schon in acht Jahren ansteht.

Meinen allergrößten Respekt, was Oberammergau da auf die Beine gestellt hat. Alle Mitwirkenden sind Einheimische. Im Vorfeld gab eine Diskussion, dass ein Teilnehmer noch nicht 20 Jahre im Ort wohnt – Schwamm drüber, was soll das? Was hier geboten wurde, war komplexes Laienschauspiel. Die Mitwirkenden sind keine Profis, sondern haben meist solide Berufe am Ort. Und sehr nett anzusehen: Zur Aufführung kommen viele Darsteller mit dem Fahrrad angeradelt und fahren in der dreistündigen Pause wieder nach Hause. Und was für ein Anblick: Lange Bärte, wallendes Haar auf dem Fahrrad.

Durch die Inszenierung von Christian Stückl, ein Vollbuttheatermann allererster Güte, kam ein hervorragendes Schauspiel auf die Bühne des Passionstheaters.

Durch Stückls Engagement und Ehrgeiz, vielleicht auch Fanatismus, wurde dem Zuschauer ein eindrucksvolles Schauspiel über fünf Stunden präsentiert mit Text und Gesang. Stückl gilt als Revolutionär und auf seine Art auch als ein Provokateur, der die Oberammergauer Festspiele auf ein neues künstlerisches Niveau hob. Das ist allerdings nicht ganz unumstrittenen. Konservative wehrten und wehren sich gegen den neuen, frischen Stil.

Christian Stückl wählte aus den drei Chören des Ortes aus und gibt den Sängerinnen und Sängern eine hervorragende Ausbildung. Talent alleine reicht nicht, um in Oberammergau Tag für Tag auf der Bühne zu stehen. Kettenraucher Stückl bekam vor der Premiere einen Infarkt und hat versprochen, das Rauchen sein zu lassen – gut so.
Diskussionswürdig sind die Textänderungen, die Stückl vornahm. Selbst ich, der nicht gerade Bibelfest ist, bemerkte die Änderungen. Aus „führe uns nicht in Versuchung“ wurde „führe uns durch die Versuchung“. Konservative sind hier wahrscheinlich tot umgefallen.

Obwohl das Spiel nur die letzten Tage im Leben Jesu darstellt, geht es uns um das Ganze des Evangeliums, insbesondere um die Botschaft Jesu und sein Menschenbild. Im Vordergrund steht der Aufruf Jesu zur radikalen Umkehr und seine Hinwendung zu jedem einzelnen Menschen.

Die dreistündige Pause ist ein Paradies für die Gastronomie und den Handel des Ortes. Man musste reservieren, um einen Platz für sein Pausenmahl zu erhalten. Nun, wir kauften uns beim Supermarkt einen Cappuccino und belegte Semmel und kauften dafür im Einzelhandel ein. Empfehlen kann ich das Hutgeschäft Kronburger und den Holzschnitzer Franz Barthels (mit einer hervorragenden Braun Anlage.)

Wie kam es eigentlich zu den Oberammergauer Festspielen? Nun vor rund 400 Jahren wütete die Pest in Oberbayern. Wenn der Ort vom schwarzen Tod im Dreißigjährigen Krieg einigermaßen verschont bliebe, dann legten die Gemeindeverantwortlichen 1633 einen Schwur ab, alle zehn Jahre ein Passionsspiel aufzuführen. Und siehe da, die Pest machte einen Bogen um Oberammergau. Die erste Aufführung des „Spiel[s] vom Leiden, Sterben und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus“ fand 1634 auf dem Friedhof, neben der Pfarrkirche – über den frischen Gräbern der Pestopfer – statt. Und so wurden die Passionsspiele zum Dauerbrenner, mal von der Obrigkeit hofiert, mal kleiner gehalten. 1750 gab es eine eigene Passionsfassung, die in Grundzügen heute noch gilt.

Als Wagner-Fan sehe ich viele Gemeinsamkeiten zwischen Oberammergau und Bayreuth, obwohl in Oberbayer die Kleidung eher locker war. Fünf Stunden Aufführung, für Fans ein heiliger Inhalt und im Grunde immer knappe Karten. Bisher war es schwierig an Karten in Oberammergau zu kommen, aber dieses Jahr war es kein Problem. Das Publikum war international. Die Passionsspiele laufen noch bis 2. Oktober und Karten gibt es auch noch. Schwarzhändler haben schlechte Karten.

In acht Jahren will ich wiederkommen und hoffe, dass Christian Stückl sich weiter gegen die Konservativen behauptet.

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Eine Antwort to “Mein Besuch der Passionsspiele in Oberammergau”

  1. Hetzinger-Heinrici Irmgard Says:

    Wir haben die Karten mit einem Arrangement von 2 Tagen schon 2019 erworben und sind glücklich das das Stück jetzt aufgeführt wurde. Außerdem waren wir im Elternhaus von Stückel bei seiner Schwester untergebracht. Es waren nur positive Tage die wir erleben durften auch neben der Aufführung.

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