Kommentar: digitale Spaltung wird vertieft

Ein eher seltenes Bild: Android und ich

Ein eher seltenes Bild: Android und ich

Und wieder wird gejammert. Fast sieben Stunden am Tag verbringen junge Erwachsene im Alter von 21 bis 30 Jahren im Internet. Ich habe eine Studie von Ernst & Young gelesen und ich werde den Verdacht nicht los, die Herrschaften haben es nicht verstanden, was da passiert. Übrigens bei mir läuft das Internet eigentlich immer. Schaltet ihr den Browser oder Mail oder soziale Netzwerke aus? Das mache ich nur, wenn ich hoch konzentriert an etwas arbeite oder mich auf Freunde, Musik oder einen Film konzentriere. Aber in der Regel unterscheide ich nicht in eine Welt mit und ohne Internet.
Die Studie erklärt, dass die junge Altersgruppe das Internet größtenteils über ihr Smartphone nutzt. Knapp drei Stunden sind sie über das Gerät online, vor allem in Messengerdiensten wie WhatsApp. Gut, dass mit WA halte ich für gefährlich, aber hauptsächlich aufgrund des Verlustes der digitalen Daten wie Adressbücher.

Twitter in der Buchstabensuppe.

Twitter in der Buchstabensuppe.

Jugendliche seien viereinhalb Mal so lange mit dem Handy online, wie die Altersgruppe 60 plus. Sagt mal, wundert ihr euch wirklich darüber? Deswegen fordert die Studie Politik und Unternehmen auf, einer – so wörtlich – „digitalen Spaltung“ entgegenzuwirken und bei der Entwicklung neuer Angebote, die Bedürfnisse der älteren Generation nicht zu vergessen.
Wenn ich solche Studien und vor allem die Empfehlung von Ernst & Young lese, hab ich Angst um die digitale Entwicklung dieses Landes. Immer wieder kommt da durch: Früher war alles besser. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass für diese Typen die digitale Entwicklung besser nicht voranschreiten sollte. Stillstand ist für sie der neue Fortschritt, ein bisschen wie der Heizer auf der E-Lok.
Studie um Studie: Der durchschnittliche Nutzer greift pro Woche 1.500 Mal zu seinem Smartphone, das heißt 214 Mal pro Tag, so eine Studie der britischen Marketing-Agentur Tecmark. Das Smartphone wird den PC als wichtigsten Zugang zum Internet bis 2021 ablösen. Das geht aus der aktuellen Ausgabe des CISCO VNI Forecast hervor. Der Desktop-Anteil wird beim IP-Internet-Traffics von heute über 40 Prozen in vier Jahren auf 25 Prozent fallen. Gleichzeitig wird der Smartphone-Anteil am weltweiten IP-Traffic auf 33 Prozent steigen. Mehr dazu im Blog meines Kollegen René Hesse.


Liebe Leute, macht einfach Platz für etwas neues. Macht Platz für Innovationen und Fortschritt. Das Smartphone ist kein Telefon. Wer glaubt, dass das iOS-, Android- oder Windows-Device ein Telefon zum Telefonieren ist, der irrt sich gewaltig. In meinem Seminaren in Schulen zur Medienkompetenz frage ich immer gerne die Schülerinnen und Schüler: Was macht ihr mit eurem Smartphone? Die Antworten lauten etwa so: Chatten, YouTube, Fotos, Videos, Musik hören, Spielen, Taschenrechner, Lesen, Einkaufen, Navigation und und und – irgendwann kommt auch Telefonieren. Wer glaubt, das Smartphone sei ein Telefon, der hat schon längst verloren. Smartphones haben heute so viele Funktionen übernommen, für die wir bisher mehrere verschiedene Geräte benötigten. Dennoch benötigt es klare Regeln im Umgang mit dem Smartphone. Medienkompetenz steht dabei im Vordergrund und nicht die Verteufelung eines Geräts.
Wir leben zu Beginn eines Post-PC-Zeitalters und das Smartphone ist im Moment für eine ganze Generation das Zentrum ihres digitalen Lebens geworden. Natürlich ergibt sich dadurch längere Nutzungszeiten.
Natürlich muss die digitale Spaltung überwunden werden. Aber durch solche Studien überwinden wir nicht, sondern der Graben wird immer tiefer. Wir sprechen nicht mehr miteinander, sondern übereinander. „Ihr mit eurem doofen Smartphone – ihr könnt ja gar nicht mehr anders“, höre ich in Seminaren immer wieder. Gegenseitiges Verständnis und ein klarer Blick für die Chancen der digitalen Zukunft ohne die Gefahren zu leugnen – das ist das Gebot der Stunde.

Houston, wir haben ein Problem,

Houston, wir haben ein Problem,

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2 Antworten to “Kommentar: digitale Spaltung wird vertieft”

  1. Thomas Adleff Says:

    Ich kann den letzten Absatz nur bestätigen. Sowohl als Lehrer und auch als Vater bedeutet für mich Medienkompetenz nicht „Verbot“, sondern eine klare, auch disziplinierte und konsequente Linie im Umgang mit den digitalen Medien. Die Verkürzung der ausdrucksstarken deutschen Sprache zum „Boa Digga“-Jargon ist der Bequemlichkeit des jeweiligen Nutzers geschuldet, nicht dem Medium; ebenso verhält es sich mit der inhaltlichen Qualität unserer Kommunikation: Wer sich im echten Leben nichts zu sagen hat, schafft das auch in der digitalen Welt trotz SMART-Phone nicht.
    Da hilft nur, das Beste aus der analogen und digitalen Welt verbinden, ohne despektierlich auf den jeweils „Anderen“ herabzuschauen.
    Erinnert mich an den Witz, als ein Nerd und ein älterer Mann in der Bar nebeneinander ein Bierchen trinken und der Digitaljünger zum Nachbar sagt: „Ich verstehe gar nicht, wie ihr ohne die digitale Welt überhaupt auskommen konntet; ist ja wie in der Steinzeit.“ Darauf hin der Alte: „Tja, wenn wir das nicht erfunden hätten, könntet ihr es heute nicht verwenden. 🙂
    Und dennoch darf die Digitalisierung die Ängste und Vorbehalte der analogen Generation nicht vernachlässigen! Denn oft rettet sich der Mensch in die Verweigerung, wenn er mit dem Tempo der Entwicklung nicht mehr mitkommt oder das Gefühl hat, dass dies auch gar nicht gewünscht ist, daran noch teilzuhaben. Und damit verkäme Technik zu einem reinen „nice to have“ Gimmick, anstatt den Menschen aller Altersstufen in ihren täglichen Erledigungen und Aufgaben sinnvoll zu unterstützen und zu entlasten.

  2. Kommentar: digitale Spaltung wird vertieft — redaktion42’s Weblog – agsmedienservice Says:

    […] über Kommentar: digitale Spaltung wird vertieft — redaktion42’s Weblog […]

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