Persönlicher Nachruf auf Lou Reed

Das erste Mal als ich Lou Reed gehört habe, war ich ein Teenager auf der Suche nach neuen musikalischen Ufern. Bei einem Kumpel hörte ich die VU-Aufnahmen mit Nico. Die Stimme der schönen Deutschen faszinierte mich, aber noch mehr der Sound der Band. Ungemein rhythmisch, doch zugleich kalt und hart. Mein Popmusikhimmel geriet ins Wanken, als ich von der Band die ersten Bilder sah. Internet gab es damals nicht und so musste ich in Rockalmanachs stöbern, um einen Eindruck von den Kerlen zu bekommen. Typen in Lederjacken mit Sonnenbrillen – das war anders als die Sunnyboys, die ich kannte.

Ich hörte mich in VU ein und musste erst einmal schlucken. Die besungene Welt war ganz anders als die heile Welt in der ich aufgewachsen sind. Ich wartete nie auf einen Freier und spritze mir kein Heroin, machte einen Entzug oder experimentierte nicht mit Sadomaso. Obwohl ich nichts mit der Welt von VU gemeinsam hatte bis auf die Vorliebe für Andy Warhol gefiel mir der Sound. Erst auf LP und später auf CD kaufte ich mir alles von VU. Zuletzt bekam ich von meiner Frau die Bananen-Box geschenkt. Ich glaube, sie weiß gar nicht, welche Freude sie mir gemacht hat.

Box

Als Lou Reed auf Solopfaden wandelte, folgte ich ihm. Zwar war ich kein Transvestit, der von Miami nach NYC kam, sich die Beine rasierte und einen Walk of the wild Side antrat. Klar die Transformer war wichtig, aber persönlich noch wichtiger war das New York Album. Ich hatte es bei meinen Streifzügen durch Big Apple im Ohr, verschenkte die CD ein paar Mal. Das war für mich das Meisterwerk von Lou Reed. Die Gosse, die dunklen Seiten – welch Faszination.

Dann verlor ich Reed aus den Augen bzw. aus den Ohren. 1993 kam er für mich zurück als er mit Fool of Pride eine der besten Nummern des 30th Anniversary Concert Celebration von Bob Dylan ablieferte. Da war es wieder das alte Feuer, der hypnotische Sprechgesang. Ich kramte meine alten Scheiben hervor und lauschte den Worten. Reed studierte einstmals Kreatives Schreiben an der Syracuse University, und der Dichter Delmore Schwartz war sein Lehrer – das merkt man.

Von jüngeren Aufnahmen gefielen mir die Poe-Aufnahmen von 2000. Ich wollte nach Hamburg, um mir die Aufführungen anzusehen, kam aber nie dazu. Jetzt ist es vorbei. Da die CD ohne Textbuch auskam, besorgte ich mir die Buchversion The Raven mit Zeichnungen von Lorenzo Mattotti, um das alte Englisch von Edgar Allan zu verstehen. Die Worte hab ich dann verstanden, ob es mir mit dem Sinn auch so ging, sei dahingestellt.

Auch blieb mir die Sinnhaftigkeit in der Zusammenarbeit mit Metallica bei Lulu zunächst verborgen. Zu radikal war die Wendung Reeds. Rückblickend gesehen, ist es ein großartiges Album geworden. Aber sehr gewöhnungsbedürftig. Gerne hätte ich dich oder Auftritte mit seiner Frau Laurie Anderson gesehen. Sie war jahrelang ein absoluter Geheimtipp für mich. Oh Superman und Home of the Brave gehören für mich zu den Klassikern der Performanceart.

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