Heizer auf E-Loks oder warum der BJV die Welt nicht versteht

Foto vom Sturmschaden. Brauch ich da einen Pressefotografen?

Foto vom Sturmschaden. Brauch ich da einen Pressefotografen?

Erinnern wir uns: In Großbritannien setzten die Gewerkschaften in den 1950er-Jahren durch, dass Heizer auch auf E-Loks mitfuhren. Was haben wir gelacht. Aber ist es in unserer Journalistenzunft nicht ebenso. Ein aktuelles Beispiel gefällig?

Jetzt beschwert sich der bayerische Journalistenverband, dass Feuerwehren von ihren Einsätzen selbst Foto schießen und an die Öffentlichkeit verteilen. Das geht doch nicht, denn freie Journalisten verdienen jetzt mit den Fotos kein Geld mehr. So eine Sauerei!

Ich bin selbst seit den achtziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts Journalist und ich habe meinen Lebensunterhalt auch mit Polizeifotos verdient. Ich bin nachts rausgefahren an die Unfall- oder Brandorte und habe Fotos mit meiner Nikon geschossen, die Filme schnell entwickelt und vergrößert und die Abzüge an die Redaktionen verkauft. Aber Leute, das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr und ich musste mir eine neue Nische suchen und mich weiter entwickeln. So schule ich heute unter anderem Rettungskräfte in Sachen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Wie mache ich gute Pressefotos?

Aber die Verbandsvertreter vom BJV wollten den Lauf der Welt aufhalten und die Zeit zurückdrehen. Sie schreiben an die Berufsfeuerwehren einen offenen Brief. Der BJV kritisiert die zunehmende Konkurrenz durch Einsatzkräfte. „Redaktionen und Agenturen werden inzwischen großzügig und kostenlos von den Einsatzkräften oder den Pressestellen mit Bildmaterial beliefert. Das führt dazu, dass sich die ohnehin prekäre Situation der freien Bildjournalisten verschlechtert“, erklärt der BJV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Stöckel in dem Schreiben. Und es wird schön mit der Angst argumentiert: „Wenn Sie im Krankenhaus liegen, wollen Sie doch auch von einem Chirurgen und nicht von einem Laien operiert werden. Oder bei einem Brand wissen, dass der Mann hinter der Wasserspritze sein Handwerk versteht. Warum sollten wir dann im Journalismus andere Maßstäbe anlegen?“

Journalismus ist ein Handwerk – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und wenn die Einsatzkräfte richtig geschult sind, dann können sie auch gute Bilder machen. Dazu braucht es uns Journalisten nicht mehr. Dazu braucht es talentierte Menschen mit Verstand und Verantwortungsbewusstsein.

Die Welt ändert sich und weinen wir als Journalisten nicht vergangenen Zeiten nach. Der Setzer wurde auch durch den DTP-Journalisten ersetzt und die Welt ist nicht untergegangen. Lieber Verbandsvertreter: Gestalten Sie die Zukunft ihrer Mitglieder, sonst haben Sie bald keine mehr.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Heizer auf E-Loks oder warum der BJV die Welt nicht versteht”

  1. Avatar von Julian Julian Says:

    Ich denke, das Problem liegt in diesem Fall woanders. Sicher würde der Pressefotograf bessere Fotos machen als der durchschnittliche Feuerwehrmann, der vielleicht ein Faible für Fotografie hat. Aber andererseits hat der Pressefotograf am Einsatzort während des Einsatzes nichts verloren, der Feuerwehrmann bzw. Polizist dahingegen schon.

    Das erklärt übrigens auch die Schlagzeilen über typischen Unfallfotos, die da lauten „Horror-Crash: Familie überlebt in diesem Wrack!“, und darunter sieht man die völlig zerfetzten Überreste eines Autos, so dass man sich fragen muss, wie man das nur überlebt haben kann. Die Erklärung ist meist sehr einfach: Das Foto wurde gemacht, nachdem die Feuerwehr das Dach des Autos abgeschnitten und die Türen aufgespreizt hat. Natürlich sah das Auto anders aus, als die Insassen sich noch lebend darin befanden.

    Grundsätzlich aber finde ich, dass nicht jeder Einsatz eine Nachricht wert ist. Nur, weil die technologischen Möglichkeiten es heute hergeben, über jede Öllache und jeden umgestürzten Baum zu berichten, muss das noch lange nicht heißen, dass man das auch sollte. Ein öffentliches Interesse muss vorliegen, und gerade bei Unfällen und anderen Unglücken ist das Gaffen meines Erachtens keine Rechtfertigung für bildgewaltige Berichterstattung vom Einsatzort.

    So gesehen sollten also in den allermeisten Fällen weder Pressefotografen, noch Feuerwehr- oder Polizeifotografen vor Ort sein, zumindest nicht für eine Berichterstattung.

Kommentar verfassen - Achtung das System speichert Namen und IP-Adresse

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..