Als Bruce Springsteen bei seinem ersten Auftreten als Zukunft des Rock’n Roll bezeichnet wurde, sahen viele in ihn den Nachfolger von Bob Dylan. Das war natürlich Nonsens, aber dieser Gedanke kam mir wieder, als ich seinen Song Streets of Minneapolis hörte. Das Lied entstand kurz nach der ICE-Schüssen in Minneapolis und wurde in 19 Ländern Nummer eins bei den iTunes-Charts. Dieser Ohrwurm in Form eines Protestsongs erinnerte mich dann doch wieder an den frühen Bob Dylan der Bürgerrechtsbewegung. Ich dachte an das Lied The Lonesome Death of Hattie Carroll.

Was für ein schönes, trauriges Paar von Liedern das ist: Auf der einen Seite Dylan, der 1963 den Mord an Hattie Carroll akribisch dokumentiert und in eine balladenhafte, fast protokollarische Form bringt, die das amerikanische Klassen‑ und Rassensystem vorführt wie einen Angeklagten im Zeugenstand. Auf der anderen Seite Springsteen, der 2026 in Streets of Minneapolis die Tötungen von Alex Pretti und Renée Good durch ICE‑ und CBP‑Beamte aufgreift und daraus einen wütenden, hymnischen Protestsong macht, der direkt „King Trump“, seine „Privatarmee“ und den „Staatsterror“ gegen Migrantinnen und Migranten adressiert.
Beiden Liedern gemeinsam ist, dass sie nicht „über“ Politik reden, sondern konkrete Körper und konkrete Tode in den Mittelpunkt stellen: Hattie Carroll, die Hotelangestellte, die von William Zantzinger erschlagen wird und deren Tod von einem milden Urteil entwertet wird; Alex Pretti und Renée Good, die im Winter ’26 im Schneematsch von Minneapolis liegenbleiben, während die offizielle Darstellung der Behörden von Handyvideos widerlegt wird. Dylan arbeitet mit der strengen Form der Erzählballade und treibt den Hörer immer wieder mit „now ain’t the time for your tears“ vor sich her, bis die Farce des Urteils offenliegt; Springsteen setzt auf den kollektiven Refrain „We’ll remember the names of those who died / On the streets of Minneapolis“ und verwandelt individuelle Trauer in eine singbare Bürgerrechts‑Litanei, die aus der Menge kommen könnte.
Interessant ist, wie stark Streets of Minneapolis Dylans Tradition bewusst aufnimmt und ins Heute zieht: Die ersten Zeilen über „winter’s ice and cold“ und eine „city aflame“ unter „an occupier’s boots“ knüpfen an das klassische Protestsong‑Vokabular an, während die direkte Anklage gegen ICE, DHS und „Miller and Noem‘s dirty lies“ die Zurückhaltung früherer Springsteen‑Texte hinter sich lässt. Gleichzeitig bleibt seine Erzählweise zutiefst springsteensche Empathiearbeit: Die Stadt hat ein „heart and soul“, das „through broken glass and bloody tears“ weiterlebt, die Stimmen der Demonstrierenden („ICE out“) werden zum moralischen Zentrum, nicht der Sänger selbst. Dylans Lied, das aus der Perspektive eines empörten, aber distanzierten Beobachters den Fall Carroll aufrollt, und Springsteens Song, der mitten in der heißen Gegenwart einer traumatisierten Stadt steht, wirken wie zwei Kapitel derselben langen Geschichte von amerikanischem Unrecht – nur dass das zweite Kapitel ausdrücklich zeigt, dass Dylans alte Warnungen nicht Geschichte geworden sind, sondern Gegenwart.
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