Filmtipp: Wackersdorf von Oliver Haffner

Der Start des Films Wackersdorf rechtzeitig vor der bayerischen Landtagswahl dürfte kein Zufall gewesen sein, geht es doch um das Aufbegehren gegen etablierte Strukturen. Da mich das Thema Wackersdorf aus mehreren Gründen interessiert, schaute ich dem Kino meiner Jugend, im Lichtspielhaus in Fürstenfeldbruck, vorbei und ließ den Film auf mich wirken. Es war eine Reise in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und für mich war Wackersdorf der erste große Bürgerprotest im modernen Bayern gegen die Staatsregierung. Ich kannte aus dem Fernsehen zwar Proteste wie Spiegel-Affäre oder die Auseinandersetzungen gegen die Startbahn West in Frankfurt, doch Wackersdorf empfand ich anders. Hier ging der Normalbürger auf die Straße in der bayerischen Provinz um zu demonstrieren und für sein Recht auf Meinungsfreiheit einzutreten.


Als Jugendlicher war ich unsicher, was das Thema Atomenergie betraf. Ich hörte die Pro- und Contra-Argumente, war hin und her gerissen und ich vertraute darauf, dass die Staatsregierung mit der Errichtung der WAA schon wisse, was sie dort tun. Nach dem Unglück von Tschernobyl wusste ich, dass ich als Jugendlicher betrogen wurde und ich bin als 16jähriger einmal selbst in die ferne Oberpfalz mit dem Zug gefahren und hab mich dem Demonstrationszug angeschlossen. Diese Erinnerungen kamen wieder als ich mir den Film ansah. „Wehrt euch, leistet Widerstand“ lautet der Untertitel des Films Wackersdorf.
Nun im Kino meiner Jugend nahm ich die Zeitreise auf mich und tauchte in das Leben der Provinz ein. Das Setdesign des Films ist fast perfekt: Autos, Einrichtungen, Werbung, Mode, Telefone, viele kleine Details passen einfach und machen den Film authentisch. Vielleicht sind bei den Frisuren Fehler unterlaufen, denn die Achtziger waren auf dem Kopf (nicht im Kopf) wilder, aber vielleicht gab es diese haarige Wildheit nur bei uns in München und nicht in der fernen Oberpfalz.


Der Film erzählt die Geschichte des Landrats Hans Schuierer (darstellt von Johannes Zeiler), der zunächst den Bau der Wiederaufbereitungsanlage befürwortete, dann aber seinen Gewissen folgte und sich dem Protest anschloss. Schön ist die Öko-Bewegung im Film gezeichnet mit Rauschebart, Strickpulli und Agitation. Sehr genau wird die Wandlung des SPD-Landrats gezeigt, der zwischen Arbeitsplätze und Atomangst pendelte. Vielleicht etwas übertrieben werden die durchtriebenen Versuche der Atomindustrie und der bayerischen Staatsregierung gezeigt, den Landrat einzulullen und für die Sache der WAA einzunehmen. Habe ich „etwas übertrieben“ geschrieben? Nun, ich weiß nicht, ich war ja nicht dabei. Aus dramaturgischen Zwecken passt es gut, vielleicht war die Realität noch viel skrupelloser. Die Politik unter dem Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß in Bayern war heftiger, was ich so höre. Strauß hat viel für den Freistaat geleistet, seine Methoden waren aber manches Mal zweifelhaft. Im Fall Wackersdorf wurde für meinen Begriff der Rechtsstaat ausgehebelt und die Bürgerinnen und Bürger setzten sich zur Wehr. Ich erinnere mich, dass zu meiner Schulzeit die Buttons mit „Stoppt Strauß“ im Umlauf waren. Strauß hat das Ende seiner WAA nicht mehr mitgekommen, der CSU-Politiker erlag einem Herzanfall – vor kurzem jährte sich sein Todestag. Im Film und damals im Fernsehen habe ich erlebt, wie FJS gegen die Demonstranten gewettert hat. Das hat mich als Jugendlicher entsetzt, so redet man nicht in einer Demokratie miteinander. Und als am Ende des Kinofilms diese Dokumentaraufnahmen eingeschnitten wurden, kam das Gefühl von damals wieder hoch.
Als ich nach dem Kinobesuch mit dem Bus nach Hause gefahren bin, sah ich die Aufnahmen vom Hambacher Forst am iPhone. Sollte sich Geschichte wiederholen? Es geht nicht um Atomkraft, es geht dieses Mal um Braunkohle. Die Eifel ist weiter weg als die Oberpfalz, aber der Widerstand gegen die Abholung des Waldes durch RWE erfasst breite Schichten der deutschen Gesellschaft. „Wehrt euch, leistet Widerstand“ – so das Motto des Films.
Den Film Wackersdorf halte ich für empfehlenswert. Er wurde unter anderem mit Mitteln des FFF, also der bayerischen Filmförderung finanziert. Regisseur Oliver Haffner hat packendes Stück bayerischer Geschichte verfilmt und er hat es prima gemacht. Diese Art von neuen deutschem Heimatfilm kann sich sehen lassen.
In wenigen Tagen wird das Buch Hans Schuierer: Symbolfigur des friedlichen Widerstandes gegen die WAA von Oskar Duschinger erscheinen. Mal sehen, ob ich vom Verlag ein Rezensionsexemplar erhalte, um dieses Buch zu besprechen. Die Geschichte des Landrats Hans Schuierer hat mich neugierig gemacht.

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