Persönliche Gedanken zum Tod von Janosch: Ein Zuhause gegen die Angst

Manche Menschen hinterlassen eine Lücke. Janosch hinterlässt ein kleines Haus, in dem noch Licht brennt. Dort warten ein Bär und ein Tiger, dort ist Platz für Freundschaft und für die Gewissheit, dass man nicht stark sein muss, wenn jemand bei einem bleibt. Generationen von Kindern haben diesen Ort mit ihm gefunden. Und viele Erwachsene haben erst beim Vorlesen verstanden, wie sehr sie selbst ihn noch brauchen. Nun ist der Mann gestorben, der ihnen diesen Zufluchtsort gezeichnet hat. Janosch starb am 3. November auf Teneriffa, wie sein Verleger Bernhard Feil der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Er wurde 95 Jahre alt.

Es wäre leicht, ihn jetzt in jene Behaglichkeit einzuwickeln, die seine bekanntesten Bilder ausstrahlen. Ein freundlicher Geschichtenerzähler, ein paar liebenswerte Tiere, die gelb-schwarz gestreifte Tigerente: So könnte man ihn verabschieden. Aber man würde ihm damit etwas nehmen. Denn Janoschs Zärtlichkeit war keine Ahnungslosigkeit. Dieser Mann wusste, wie grausam Menschen sein können. Vielleicht berühren seine Geschichten gerade deshalb so tief: Ihre Wärme ist nicht selbstverständlich. Sie ist der Gegenentwurf eines Menschen, der als Kind viel zu wenig davon bekommen hatte.

Am 11. März 1931 kam er als Horst Eckert im oberschlesischen Hindenburg zur Welt, dem heutigen polnischen Zabrze. Seine Kindheit war von Alkohol und Schlägen geprägt. Beide Eltern tranken, beide schlugen ihn. Dazu kamen eine religiöse Erziehung voller Strafandrohungen und die Demütigungen in der Hitlerjugend. In einem Filmporträt des Bayerischen Rundfunks erinnerte er sich an die Quälereien: „Dann haben sie mich geschliffen, bis zum Umfallen.“ Das ist die dunkle Landschaft hinter den hellen Bildern. Wer sie kennt, sieht den kleinen Bären und den kleinen Tiger anders: als Bewohner einer Welt, in der niemand erniedrigt werden muss, um dazuzugehören

Ausgerechnet dieser verletzte Junge sollte später so vielen Menschen zeigen, wie sich Geborgenheit anfühlen kann. Nicht als großes Versprechen, nicht als Belohnung für Gehorsam. Sondern als etwas Einfaches: einen Freund haben, gemeinsam aufbrechen, sich umeinander kümmern. Janoschs Figuren müssen keine Helden werden. Sie dürfen klein bleiben. In einer Kinderwelt, die so oft vom Lernen, Leisten und Besserwerden handelt, liegt darin eine stille Befreiung. Seine Geschichten kommen ohne erhobenen Zeigefinger aus; Freiheit und Selbstbestimmung gehören zu ihrem innersten Wesen.

Wie weit der Weg zu diesen Bildern war, zeigte eine Ausstellung im Bauernhofmuseum Jexhof bei Schöngeising. „Janosch – Vom Ammersee bis nach Panama“ hieß sie, und mein Blog redaktion42 hielt ich am 29. Januar 2018 meine Begeisterung fest. Er habe sich „regelrecht in die Bilder verliebt“, schrieb der Autor. Heute liest sich dieser Satz wie ein kleiner Schlüssel zu Janoschs Wirkung: Man betrachtet seine Bilder nicht nur. Irgendwann lässt man sich auf sie ein. Die Ausstellung machte zugleich sichtbar, wie wenig die vertraute Tigerente allein über ihren Schöpfer erzählt. Sie führte zurück zu seinen Anfängen, zu frühen künstlerischen Versuchen und zu einem Mann, der seinen Platz erst suchen musste.

Mein Blogbeitrag zeichnet diesen Weg nach: die Ankunft in Westdeutschland nach dem Krieg, die Ausbildung als Textilzeichner, den Umzug nach München 1953 und den Versuch, an der Kunstakademie Fuß zu fassen. Horst Eckert schrieb, zeichnete, suchte nach Möglichkeiten. Er nannte sich „Aufschreiber“ – ein bescheidenes Wort für jemanden, der später so unverwechselbar erzählen sollte. Mit dem Verleger Georg Lentz kam die entscheidende Begegnung. 1960 erschien „Die Geschichte vom Pferd Valek“, sein erstes Kinderbuch, und aus Horst Eckert wurde Janosch. Am Ammersee begann jener Abschnitt seines Lebens, an den die Jexhof-Ausstellung erinnerte.

Es ist tröstlich, sich diesen Anfang nicht als geraden Weg zum Ruhm vorzustellen. Janosch war nicht einfach fertig da. Er probierte aus, scheiterte, wurde zurückgewiesen. Die Ausstellung zeigte auch abstrakte Arbeiten und machte deutlich, dass hinter dem später weltbekannten Zeichner ein suchender Künstler stand. Rund 150 Objekte, darunter etwa 120 Zeichnungen und Gemälde, ließen damals erkennen, wie viel größer dieses Werk war als sein populärstes Markenzeichen.

Zu diesem anderen Janosch gehört „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“. In dem Roman kehrte er in das Milieu seiner oberschlesischen Kindheit zurück, schonungslos und zugleich voller Wehmut. Die Härte seiner Herkunft verschwand nicht, nur weil er später Tiere zeichnete, denen man am liebsten über den Kopf streichen möchte. Sie blieb in seinem Schreiben, in seiner Erinnerung, auch in seinen eigenen Kämpfen mit dem Alkohol. Das Dunkle und das Helle waren keine getrennten Lebenswerke. Sie kamen aus demselben Menschen.

Und dann, 1978, „Oh, wie schön ist Panama“. Ein kleiner Bär und ein kleiner Tiger machen sich auf, das Land ihrer Träume zu finden, und gelangen am Ende zurück an ihren Ausgangspunkt – nur sehen sie ihr Zuhause nun mit anderen Augen. Was für eine einfache Geschichte. Und was für ein großes Wissen darin liegt: dass Sehnsucht uns forttreibt und dass wir manchmal einen Umweg brauchen, um das Nahe zu erkennen. Mehr als zwei Millionen Mal wurde das Buch nach Angaben des Beltz-Verlags weltweit verkauft. Seine eigentliche Reichweite aber lässt sich schwerer zählen: in Vorleseabenden, in Kinderfragen, in Erinnerungen an eine Stimme am Bettrand.

Janosch selbst konnte den Zauber dieser Geschichte mit einer einzigen Bemerkung gegen den Strich bürsten. „Ich wollte ein Kitschbuch machen“, sagte er im BR-Filmporträt über ihre Entstehung. Ein Kuschelbär müsse hinein, eine Reise, ein Freund. Da sprach keiner, der sich ehrfürchtig vor das eigene Denkmal stellte. Da sprach ein Spötter, der seiner Rührung misstraute und sie trotzdem zuließ. Vielleicht bewahrte gerade diese Mischung seine Geschichten vor dem Süßlichen: die Zärtlichkeit und der Widerhaken, das weiche Herz und die schnodderige Bemerkung.

Auch der Strich passte dazu. Nicht glatt, nicht makellos, nicht darauf bedacht, alles unter Kontrolle zu halten. Die Cheflektorin des Bilderbuchbereichs bei Beltz & Gelberg, Katrin Hartmann, beschrieb seine „heute geradezu erleichternd wirkende Unperfektheit“. Man kann darin mehr sehen als eine künstlerische Eigenart. In diesen Bildern darf etwas schief sein und trotzdem stimmen. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb Erwachsene bei Janosch manchmal eine Entlastung finden, nach der sie gar nicht bewusst gesucht haben.

Der Erfolg brachte allerdings nicht nur Freiheit. Aus Figuren wurden Marken, aus Bildern Produkte. Die Tigerente wanderte auf Brotboxen, Becher und Kleidungsstücke. Schon der Jexhof-Besuch von mir führte deshalb über die Bewunderung hinaus zu Fragen nach Vermarktung und Rechten. Mein Beitrag schilderte, dass andere an Janoschs Kunst mitverdienten und der Künstler dabei keineswegs immer gut abschnitt. Auch Ulrich Kypke, langjähriger Weggefährte und Vorsitzender der Janosch Gesellschaft, berichtete von verstreuten Rechten und schwierigen Auseinandersetzungen. So stand neben der kleinen Welt der Freundschaft eine sehr viel unübersichtlichere Welt des Geschäfts.

1980 zog Janosch nach Teneriffa. Mein Blogbeitrag beschreibt diesen Abschied vom Ammersee auch als Rückzug eines angeschlagenen Künstlers. Dort, weit entfernt von vielem, was um seine Figuren herum geschah, lebte er weiter. Ganz verschwunden ist der scharfe Beobachter hinter den Tiergeschichten dabei nie. Noch als „Herr Wondrak“ dachte er in der „Zeit“ über das Leben und seine Zumutungen nach. Auf die Frage, was gewesen wäre, hätten Tiger und Bär Smartphones besessen, lautete seine Antwort: „Sie hätten Panama einfach gegoogelt und wären im Übrigen am Tisch sitzen geblieben.“ Ein kleiner Witz, und plötzlich ist eine ganze Gegenwart beschrieben, die alles nachschlagen kann und dabei womöglich das Aufbrechen verlernt.

Sein Weggefährte Kypke sagte einmal, Janosch habe das Bittere und Tragische so darstellen können, dass plötzlich „das kleine Licht des Humors“ aufscheine. Das trifft etwas Wesentliches. Janosch hat die Dunkelheit nicht weggeredet. Er hat ihr etwas entgegengesetzt, das unscheinbarer wirkte und sich doch als erstaunlich haltbar erwies: einen Witz, eine Freundschaft, ein Bild, das einen Menschen für einen Moment weniger allein sein lässt.

Nun ist er gestorben. Und mit ihm geht einer, der uns keine heile Welt beweisen musste, um uns eine freundlichere vorstellen zu können. Seine Bücher bleiben aufgeschlagen zwischen den Generationen. Irgendwo wird heute Abend wieder ein Kind neben einem Erwachsenen sitzen, und beide werden mit dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger aufbrechen. Vielleicht wird der Erwachsene an die eigene Kindheit denken. Vielleicht wird er beim Lesen kurz innehalten.

Das kleine Haus ist noch da. Janosch hat uns den Schlüssel dagelassen.

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