Die Londoner Roswell Road (ehemals Roswell) sind ein Duo, das trotz seines Namens nichts mit dem UFO‑Mythos in New Mexico zu tun hat. Jaz Watkiss (Violine, Ukulele) und Zoë Wren (Gitarre, Klavier, Stompbox) begegneten sich 2017 zufällig auf dem Marktplatz von Ely in Cambridgeshire. Aus einem spontanen gemeinsamen Auftritt im dortigen Café entwickelte sich ein festes Projekt. Seither teilen sie sich die Lead‑Vocals und weben ihre Stimmen zu akrobatischen Harmonien, die schon mit First Aid Kit oder Fleetwood Mac verglichen wurden. Ich habe das stimmlich hervorragende Duo bei einem Privatkonzert in München erleben dürfen und die Stimmen zugleich ins Herz geschlossen.

Auf ihrer Website beschreiben Watkiss und Wren Roswell Road als „Indie‑Americana‑Duo“. Der Begriff weist auf die Mischung aus Folk, Pop, Country und Rock hin, die ihr Debütalbum „Rebel Joy“ prägt. Instrumental bleibt das Duo spartanisch – meist Gitarre, Ukulele und Violine –, doch die Gesangsharmonien klingen so eng verwoben, dass man glauben könnte, es handle sich um Schwestern. Diese stimmliche Nähe entsteht durch ein ständiges Wechselspiel zwischen Lead‑ und Begleitstimme; wer gerade singt, lässt sich kaum unterscheiden.
Inhaltlich spannen Roswell Road einen Bogen von persönlichen Erlebnissen über gesellschaftliche Themen bis zu politischem Aktivismus. Sie erzählen von Selbstzweifeln, psychischer Gesundheit, gesellschaftlichem Druck, Feminismus, Migration und Klimaschutz. Gleichzeitig bleibt ihre Musik zugänglich: Die Songs sind melodisch, oft hymnisch und laden zum Mitsingen ein. Die Band tritt derzeit vor allem als Duo auf, arbeitet aber auf dem Album mit Gästen: Keyboard, Percussion und sogar ein Cello erweitern den Klang .







„Rebel Joy“ – ein Panorama aus zehn Songs
Das im März 2026 veröffentlichte Debüt wurde über eine Kickstarter‑Kampagne finanziert, die innerhalb weniger Stunden das Finanzierungsziel erreichte. Ich habe mir vor Ort die CD gekauft und online die Vinyl bestellt. Jaz und Zoë gaben die Aufnahmen erst in ihren Heimstudios in der Schweiz und in London in Auftrag, später produzierten Joe und Dave Dunwell (The Dunwells) einige Stücke in ihrem Studio in Leeds. Die Dunwell‑Brüder brachten neue Ideen ein; Zoës Ehemann Tristano Galimberti übernahm das Mischen und Mastern.
Die zehn Songs zeigen die Vielfalt des Duos. Hier eine Auswahl:
„Holy Mountain“ – Ein beschwingter Opener über Zoës abenteuerlustige Eltern, die u. a. den heiligen Berg Kailash in Tibet bereisten . Harmonien und Up‑Tempo‑Rhythmus setzen gleich zu Beginn den Ton .
„Island Citizen“ – Ein sanftes Lied mit politischer Botschaft. Die Melodie erinnert an Crosby, Stills & Nash, der Text kritisiert Medien und Reiche, die Ängste vor Migration schüren. Zeilen wie „Who’s the enemy really, the small boats or the yachts?“ laden zur Reflexion ein.
„Out of the Dark“ – Diese Nummer erzählt von Unsicherheit und dem Wunsch, die Angst abzuschütteln. Die beiden Sängerinnen kehren hier den berühmten John‑Donne‑Satz um („No man is an island“ wird zu „Woman is not an island“ ) und singen über den Weg aus der Dunkelheit.
„Weirdo At The Party“ – Jaz’ humorvoller Song über soziale Angst. Die Platte beginnt mit sanftem Gitarrenpicking und steigert sich zu einem rockigeren Finale .
„Back Row“ – Ein Song über die Wichtigkeit, sich Pausen zu gönnen. Das Rauschen zu Beginn klingt wie verkratztes Vinyl; ein augenzwinkernder Effekt, der sowohl auf CD als auch auf LP erscheint .
„Can’t Take My Soul“ – Ein feministischer Protestsong, den das Duo als „Folk the Patriarchy“ beschreibt. Trotz wütender Untertöne wirkt die Nummer wie ein freudiger Aufruf zur Selbstbehauptung. Americana UK deutet an, dass das Lied eine Abrechnung mit Misogynie in der Musikbranche ist .
„Let Myself Be Still“ – Während einer Tour in Leeds in nur zwei Stunden entstanden, ist dieser Titel ein Appell zur Selbstfürsorge . Texte wie „need to rest“ zeigen die Notwendigkeit, im hektischen Musikerleben innezuhalten.
„Arabella“ – Jaz widmete diese balladeske Hymne ihrer Schwester. Sie erzählt von Empathie und dem Angebot, einfach gemeinsam „Trash‑TV“ zu schauen, wenn Worte fehlen . Americana UK hebt die ungewohnte elektrische Gitarre hervor, die dem Song eine rockige Färbung verleiht.
„Bolder“ – Eine moderne Seemannshymne über Umweltaktivismus. Jaz verarbeitet ihre Erfahrungen als Greenpeace‑Aktivistin und spielt mit dem Wort „bolder/boulder“: Felsen wurden in Fischgründe versenkt, um Schleppnetze zu blockieren. Das Stück erinnert an gälische Shantys und sticht als einziges im Album aus dem harmonischen Kontext heraus.







Es ist wirklich fazinierend, wie ungewöhnlich eng die beiden Frauen harmonieren. Die Stimmen von Watkiss und Wren verschmilzen so sehr, dass man sie kaum auseinanderhalten kann. Neben Americana sind auch Country‑Pop, Rock und Folk zu hören, und die Stücke seien ehrlich und auf unterschiedliche Weise relatable. Interessant auch ihre Fähigkeit, gesellschaftspolitische Themen wie Migration, Machtverhältnisse oder Klimaschutz in eingängige Melodien zu kleiden.
Die Band wurde für ihre Live‑Qualitäten mehrfach ausgezeichnet: Sie gewannen den Purbeck Rising Award des Purbeck Valley Folk Festivals, erhielten von Fatea den „EP of the Year“‑Preis und wurden 2021 bei Celtic Connections mit dem Danny‑Kyle‑Award geehrt.
Roswell Road sehen sich als modernen Teil der britischen Folk‑Americana‑Szene. In Interviews auch gegenüber mir betonen sie, dass sie sowohl inhaltlich als auch musikalisch unerschrocken sein wollen: Songs sollen persönliche Schwächen offenlegen, gesellschaftliche Missstände anprangern und gleichzeitig ermutigen. Jaz Watkiss erklärte, ihre Texte bewegten sich zwischen inneren Gefühlen und äußeren Themen wie Umwelt oder Politik. Das Duo wolle für die nächsten Aufnahmen noch strategischer arbeiten, um den Aufnahmeprozess zu verkürzen.
In einer Zeit, in der generative KI Musik mit perfekter Makellosigkeit erzeugen kann, setzen Roswell Road auf Echtheit. Sie lassen gelegentlich Ecken und Kanten zu, um ihre menschliche Seite zu zeigen. Mit ihrer Debüt‑LP haben sie ein Werk geschaffen, das gleichzeitig introspektiv, politisch und optimistisch ist – und das vor allem durch Harmonien begeistert. Fans britischer Folk‑Pop‑Harmonien, die „First Aid Kit“ oder „The Dunwells“ mögen, sollten sich diese Band merken. Ich kann voller Stolz sagen: „Ich hörte sie, bevor sie berühmt wurden“.
Kommentar verfassen - Achtung das System speichert Namen und IP-Adresse