„Ich bin kein Künstler, sondern Dokumentarist. Ich wollte immer die graue Maus sein, die nicht auffällt, damit ich wahrhaftige, nicht gestellte Fotos machen kann.“ – das war das Geheimrezept des DDR-Fotografen Thomas Billhardt über den ich vor kurzem einen Vortrag über politische Fotografie gehalten habe. Für mich liefert das Buch Thomas Billard Fotografie einen hervorragenden Überblick über diesen Fotografen.

Thomas Billhardt (* 2. Mai 1937 in Chemnitz; † 23. Januar 2025) wuchs in einer Fotofamilie auf; seine Mutter Maria Schmid‑Billhardt, selbst Fotografin, bildete ihn ab seinem 14. Lebensjahr aus. Nach dem Studium an der Fachschule für angewandte Kunst in Magdeburg und der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig arbeitete er zunächst als Werks‑ und Verlagsfotograf und wurde bald freier Fotojournalist. Diese Unabhängigkeit ermöglichte ihm eine außerordentliche Reisetätigkeit – er bereiste insgesamt 49 Länder, dokumentierte Krisenregionen und arbeitete u. a. für staatliche Stellen der DDR und UNICEF. Damit war er für mich ein politischer Unterstützer der DDR. Unbestritten ist natürlich seine fotografische Leistung. Berühmt wurde er durch seine Kriegsfotografien aus Vietnam, die ab 1967 weltweit publiziert wurden.
In der DDR war sein Schaffen ein Balanceakt zwischen politischer Nähe und humanistischer Fotografie. Die SED entsandte ihn als Augenzeugen des sozialistischen Kampfes an Brennpunkte des Kalten Krieges; er verstand sich dabei als „Zeitzeuge“ und versuchte, jeder Situation eine menschliche Seite abzugewinnen. Seine Reisen prägten sein Lebenswerk; er suchte stets den Moment, die Wahrheit und die Geschichte hinter den Bildern. Billhardt reiste zwischen 1967 und 1975 zwölfmal nach Vietnam. Er wollte das Schicksal der Menschen im Kriegsgebiet sichtbar machen und das Mitgefühl des Publikums wecken. Er beschrieb seine Motivation so: „Ich wollte, dass die Leute überall auf der Welt Anteil am Schicksal der Menschen in Vietnam nehmen“. Seine Bilder zeigen nicht nur das Grauen, sondern spiegeln auch persönliche Schicksale und intime Momente; sie seien „Erzählungen von persönlichen Schicksalen, Beobachtungen intimer Momente und eine Besinnung auf das Menschliche.“

Neben Kriegsschauplätzen widmete sich Billhardt dem Alltag in der DDR. Seine frühen Serien dokumentierten das Leben in Städten wie Berlin und den Alexanderplatz. Laut Guardian hatte er „die Fähigkeit, ein unsichtbarer Beobachter von Ereignissen zu sein“ – seine Fotos wirken selten arrangiert und fangen spontane Gesten, Blicke und Bewegungen ein. Die Arbeiten bilden ein visuelles Tagebuch über das geteilte Deutschland und andere von ihm bereiste Länder.
Der Zyklus „Hanoi 1967 – 1975“ porträtiert die vietnamesische Hauptstadt während des Krieges. Hanoitimes bezeichnet ihn als „lebendige und vollständige Serie von Alltagsfotos“; die schwarz‑weißen Bilder gleichen Filmen, die das Leben in einer Zeit extremer Knappheit dokumentieren. Billhardt zeigt Frauen, die für einen Tropfen Wasser anstehen, Kinder, die zwischen Baustellen spielen, und Outdoor‑Malunterricht. Trotz chronischem Mangel und Bombenangriffen lächeln die Menschen – ein Kontrast, der seine humanistische Perspektive unterstreicht.
Billhardt arbeitete am DDR‑Dokumentarfilm Piloten im Pyjama mit; das Foto des amerikanischen Piloten Major Dewey Wayne Waddell, der von einer Milizionärin bewacht wird, wurde zum ikonischen Bild des Vietnamkriegs. Die DDR nutzte solche Bilder, um die eigene Position zu propagieren, weshalb sie Teil eines „Bilderkrieges“ gegen die USA wurden. Billhardt betonte aber, dass seine Fotos gleichzeitig menschliche Schicksale erzählten – sie sprechen die Sprache des Krieges und erzählen doch individuelle Geschichten.
Seine Arbeiten sind meist schwarz‑weiß und nutzen starke Kontraste. Die Kompositionen sind durchdacht: Fluchtlinien wie Straßenbahnschienen, Fensterrahmen und diagonale Linien leiten den Blick. Billhardt verwendet natürliches Licht und betont Texturen – nasser Asphalt in Berlin oder raue Mauern in Hanoi. In Vietnam arbeitete er mit leichtem 35‑mm‑Equipment; die Unmittelbarkeit seiner Aufnahmen verdankt sich unter anderem der schnellen Leica‑M‑Kamera. Diese kostbare Kamera zeigt, welchen Status Billhardt innerhalb der kommunistischen DDR hatte.
Für mich eine klare Buchempfehlung: Thomas Billard Fotografie
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