Die Gamesbranche redet gerne über Zukunft. Über Innovation, Kreativität, neue Technologien, neue Welten und natürlich über den angeblich so dringend benötigten Nachwuchs. Auf der Gamescom werden junge Talente gefeiert, Hochschulen präsentieren beeindruckende Projekte, Nachwuchskünstler zeigen fantastische Arbeiten und junge Programmierer demonstrieren, was technisch möglich ist. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter und erklärt, wie wichtig diese jungen Menschen für die Zukunft der Gamesbranche sind. Doch sobald die Messehallen geschlossen sind und aus schönen Worten konkrete Arbeitsplätze werden sollen, sieht die Realität plötzlich ganz anders aus. Dann will diesen Nachwuchs nämlich kaum jemand haben.

Wer sich die Stellenangebote vieler Gamesstudios anschaut, könnte glauben, Junioren seien eine unerwünschte Spezies. Gesucht werden Senior Artists, Senior Technical Artists, Senior Developer und Senior Programmer. Möglichst mit mehreren Jahren Berufserfahrung, diversen veröffentlichten Spielen, umfassender Erfahrung mit aktuellen Engines und selbstverständlich mit einem Portfolio, das beweist, dass der Bewerber vom ersten Arbeitstag an vollständig produktiv eingesetzt werden kann. Bloß niemanden einarbeiten. Bloß niemandem etwas beibringen. Bloß kein Risiko eingehen. Das ist nicht nur kurzsichtig, sondern vollkommen absurd. Denn woher sollen eigentlich die Senior Artists und Senior Programmer von morgen kommen, wenn heute niemand bereit ist, Junioren einzustellen?
Berufserfahrung fällt schließlich nicht vom Himmel. Junge Menschen investieren Jahre in ihre Ausbildung. Sie studieren Game Design, Informatik, Animation, 3D Art oder verwandte Fachrichtungen. Sie lernen Engines und Programmiersprachen, beschäftigen sich mit Modellierung, Animation, Texturing, Lighting und komplexen Produktionsabläufen. Sie bauen Portfolios auf, entwickeln eigene Games, nehmen an Game Jams teil und arbeiten teilweise schon während des Studiums bis spät in die Nacht an ihren Projekten. Dann machen sie ihren Abschluss, klopfen bei den Studios an – und bekommen zu hören: Tut uns leid, dir fehlen drei bis fünf Jahre Berufserfahrung.
Wie bitte? Wo sollen diese Jahre eigentlich herkommen? Berufserfahrung bekommt man durch einen Beruf. Und einen Beruf bekommt man nur, wenn irgendwann ein Unternehmen bereit ist, einem Menschen ohne jahrelange Berufserfahrung eine Chance zu geben. Diese eigentlich banale Erkenntnis scheint in Teilen der Gamesbranche verloren gegangen zu sein. Statt Nachwuchs aufzubauen, versucht man, fertige Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt einzukaufen. Jeder möchte Seniors haben, aber immer weniger Unternehmen wollen die Verantwortung übernehmen, aus Juniors überhaupt erst Seniors zu machen.
Besonders bitter ist diese Situation, weil sich die Gamesbranche gleichzeitig gerne als jung, kreativ, offen und innovativ präsentiert. Auf Veranstaltungen wird Nachwuchsförderung beschworen. Es gibt Hochschulstände, Nachwuchspreise, Workshops, Panels, Networking-Veranstaltungen und jede Menge gut gemeinte Ratschläge für den Berufseinstieg. Alles wunderbar. Aber Nachwuchsförderung beginnt nicht beim kostenlosen Messeticket und endet auch nicht bei einem Panel über Karrierechancen. Nachwuchsförderung beginnt mit einem Arbeitsvertrag.
Es bringt jungen Artists und Programmierern herzlich wenig, wenn ihnen auf einer Bühne erklärt wird, wie wichtig sie für die Zukunft der Branche seien, während die Studios anschließend Stellen ausschreiben, für die fünf Jahre Berufserfahrung und mehrere veröffentlichte Titel erwartet werden. Das ist keine Nachwuchsförderung. Das ist Nachwuchsmarketing.
Natürlich kostet Einarbeitung Geld. Natürlich ist ein Berufsanfänger nicht vom ersten Arbeitstag an so produktiv wie jemand, der seit zehn Jahren im Geschäft ist. Natürlich macht ein Junior Fehler. Überraschung: Genau das bedeutet Ausbildung und berufliche Entwicklung. Ein Senior Artist wurde schließlich nicht als Senior Artist geboren. Eine erfahrene Programmiererin kam nicht mit umfassenden Kenntnissen über Engines, Produktionspipelines und Teamstrukturen auf die Welt. Irgendwann hat jemand diesen Menschen eine erste Chance gegeben. Irgendwann gab es erfahrene Kollegen, die Fragen beantwortet haben. Irgendwann durfte jemand Fehler machen, daraus lernen und besser werden.
Genau diese Verantwortung müssen Studios wieder übernehmen. Wer Fachkräfte möchte, muss Fachkräfte entwickeln. Wer Erfahrung verlangt, muss Menschen ermöglichen, Erfahrung zu sammeln. Und wer ständig über Fachkräftemangel klagt, sollte vielleicht einmal überprüfen, ob das Problem tatsächlich darin besteht, dass es keine Talente gibt – oder ob das Problem nicht vielmehr darin besteht, dass man nur noch fertig ausgebildete Spezialisten sucht, die möglichst vom ersten Tag an funktionieren und keinen zusätzlichen Aufwand verursachen.
Diese Haltung ist nicht nur arrogant gegenüber dem Nachwuchs, sondern langfristig gefährlich für die Branche selbst. Wenn junge Talente nach zwanzig, dreißig oder fünfzig Bewerbungen immer wieder hören, dass ihnen Erfahrung fehlt, werden einige irgendwann aufgeben. Gute Programmierer wechseln in andere Bereiche der IT-Wirtschaft, in denen ihre Fähigkeiten genauso dringend gebraucht und womöglich besser bezahlt werden. Artists suchen sich andere kreative Branchen. Andere verabschieden sich vollständig von ihrem Traum, Games zu entwickeln. Und ein paar Jahre später sitzt die Gamesindustrie wieder auf irgendeinem Podium und diskutiert darüber, warum qualifizierte Fachkräfte fehlen.
Das ist ein selbst geschaffenes Problem. Eine Branche kann nicht dauerhaft davon leben, dass sich Unternehmen gegenseitig dieselben erfahrenen Mitarbeiter abwerben. Irgendwo müssen neue Fachkräfte nachkommen. Irgendwann muss jemand einem jungen Menschen den ersten Arbeitsplatz geben. Eine Branche ohne Einstiegsmöglichkeiten ist eine Branche ohne Zukunft.
Gerade auf der Gamescom sieht man, wie viel Kreativität im Nachwuchs steckt. Junge Entwickler präsentieren ihre Spiele, experimentieren mit ungewöhnlichen Mechaniken, erzählen Geschichten und gehen kreative Risiken ein, die sich manche millionenschwere Produktion längst nicht mehr erlaubt. Man sieht Leidenschaft, technisches Können und manchmal einen erstaunlichen Grad an Professionalität. Genau diese Menschen werden anschließend in einen Arbeitsmarkt entlassen, der ihnen erklärt, dass Talent, Ausbildung, Motivation und Portfolio zwar schön seien, ihnen aber leider noch die entscheidenden drei bis fünf Jahre Berufserfahrung fehlen.
Das ist doch Irrsinn. Diese jungen Menschen brauchen keine weiteren Sonntagsreden darüber, wie wichtig Nachwuchs und Innovation für die Gamesbranche sind. Sie brauchen Arbeitsplätze. Sie brauchen Junior-Stellen. Sie brauchen Mentoren. Sie brauchen erfahrene Kollegen, die bereit sind, Wissen weiterzugeben. Und vor allem brauchen sie Studios, die akzeptieren, dass ein Berufsanfänger nun einmal ein Berufsanfänger ist.
Natürlich kann nicht jede freie Stelle eine Junior-Position sein. Natürlich gibt es Projekte, für die ein Studio sofort einen erfahrenen Spezialisten benötigt. Und natürlich besitzt nicht jedes kleine Entwicklerteam die finanziellen und personellen Möglichkeiten für eine umfangreiche Einarbeitung. Das ist verständlich. Wenn aber eine ganze Branche zunehmend nur noch nach erfahrenen Leuten sucht, haben wir ein strukturelles Problem. Dann darf sich diese Branche später auch nicht hinstellen und über fehlende Fachkräfte jammern.
Vielleicht sollten einige Verantwortliche ihre eigenen Stellenanzeigen einmal aus der Perspektive eines jungen Menschen lesen, der gerade seine Ausbildung oder sein Studium abgeschlossen hat. Talent vorhanden. Motivation vorhanden. Portfolio vorhanden. Fachwissen vorhanden. Leidenschaft vorhanden. Nur Berufserfahrung fehlt. Und genau deshalb bekommt dieser Mensch keine Chance, Berufserfahrung zu sammeln. Wie verrückt kann ein Arbeitsmarkt eigentlich sein?
Die Gamesbranche möchte Innovation? Dann muss sie jungen Menschen erlauben, innovativ zu sein. Sie möchte frische Ideen? Dann muss sie den Menschen hinter diesen Ideen einen Arbeitsplatz geben. Sie möchte langfristig qualifizierte Fachkräfte? Dann muss sie diese Fachkräfte selbst mit aufbauen.
Und wenn die Gamesbranche die Senior Artists und Senior Programmer von morgen haben möchte, gibt es dafür eine ziemlich einfache Lösung: Dann verdammt noch mal stellt heute Junior Artists und Junior Programmer ein.
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